Die Präsidentin der Uno-Generalversammlung, Annalena Baerbock, hat die Vereinten Nationen gegen den Vorwurf des Scheiterns verteidigt. «Aber es wäre naiv zu glauben, dass die Welt ohne die UN ein Stück besser wäre», sagte sie im Interview mit 20 Minuten.
Baerbock äusserte sich anlässlich des vierten Jahrestags des russischen Angriffs auf die Ukraine in Genf. Laut Uno wurden 2025 so viele Zivilisten getötet wie in keinem Jahr seit 2022. 5,9 Millionen Menschen aus der Ukraine sind weiterhin auf der Flucht, die Wiederaufbaukosten beziffert die Organisation auf 590 Milliarden Franken. Jede Friedenslösung müsse auf der UN-Charta und dem Völkerrecht beruhen, betonte Baerbock.
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Kritik am Einfluss einzelner Staaten wies sie zurück. «Es sind nicht die Vereinten Nationen, die scheitern, wenn Mitgliedstaaten offen gegen die UN-Charta verstossen», sagte sie. Blockaden im Sicherheitsrat seien Folge politischer Interessen einzelner Länder. Die Generalversammlung mit 193 Mitgliedstaaten habe zuletzt Verantwortung übernommen und Resolutionen zum Ukraine- und zum Gaza-Krieg verabschiedet. «Ohne die Beschlüsse der Generalversammlung zu Nahost, hätte es den Friedensplan für Gaza wahrscheinlich nicht gegeben», erklärte Baerbock.
Angesichts gekürzter US-Beiträge sprach sie von einer existenziellen Krise, warnte jedoch vor einem Kaputtsparen der Organisation. «Nach achtzig Jahren müssen wir die Vereinten Nationen dringend reformieren und fit für das 21. Jahrhundert machen.» Der laufende Reformprozess solle Effizienz und Wirkung stärken.
Zur konkreten Bedeutung verwies Baerbock auf Programme wie das Welternährungsprogramm, das fast 125 Millionen Menschen versorge, sowie auf Unicef und Ocha. Ohne internationale Standards von ICAO, ITU oder dem Weltpostverein wäre zudem globaler Flugverkehr, Telekommunikation oder Postverkehr nicht in der heutigen Form möglich. Diplomatie brauche «einen langen Atem», sagte Baerbock.