Es kam, wie es kommen musste: Rede des Premierministers für ein angekündigtes Budget, das noch gar nicht spruchreif war. Plädoyers der Fraktionschefs, die es nicht wollen, aber wissen, dass es unvermeidlich ist. Abstimmung über den vorverurteilten Regierungschef und seine Politik, die keine war.
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Frankreich ist zurück in der Vierten Republik: Schulden und ständig neue Regierungen. Alles verlief so, wie man es erwartet hatte: Verteidigung, Anklage, Abstimmung. Rücktritt.
Nur war alles noch viel schlimmer, als man es sich überhaupt vorstellen konnte. François Bayrou wurde als Sündenbock für vierzig Jahre Schuld- und Schuldenpolitik vorgeführt. Er hatte als erster vor der Verschuldung zumindest gewarnt.
Alle redeten aneinander vorbei. François Bayrou wiederholte, was er seit zwei Wochen einzuhämmern versucht – mit einer kleinen Ergänzung zum Abschied: «Man kann die Wirklichkeit nicht auslöschen.»
Die Auftritte der Linken: ein rhetorischer Alptraum. Macrons Versuch mit einem Sozialisten als Premierminister ist vom Tisch.
Schlimmer als erwartet auch das Urteil aus: 577 Abgeordnete sitzen im Parlament – 194 sprachen sich für die Rettung der Regierung aus. Noch schlimmer: Aus dem eigenen Lager fehlten viele Stimmen.
Die Vierte Republik ist zurück, aber das traurige Endspiel der Fünften nicht ganz zu Ende. Ausgewechselt werden jetzt wie damals die Premierminister. In deren Regierungen immer wieder die gleichen Minister auftauchen.
Gabriel Attal, Macrons letzter Premierminister aus der Partei des Präsidenten, ist jetzt Fraktionschef. Er will keinen weiteren Nachfolger. Sondern «Verhandlungen».
Neuwahlen des Parlaments würden das herrschende Chaos nur noch verstärken. Zumindest solange die «Brandmauer» gegen rechts nicht fällt.
Seit dem Sturz von Bayrou gibt es nun auch eine Brandmauer gegen links. Und gleichentags wurde bekannt, dass der Berufungsprozess um Marine Le Pens Unwählbarkeit auf den kommenden Januar vorgezogen wird.
Neuwahl des Präsidenten? Alle wollen Macrons Nachfolger werden. Auch Attal. Doch weil sich keiner seiner Sache sicher ist, spielen alle auf Zeit. Und sind insgeheim daran interessiert, das Chaos zu verlängern.
Das war zweifellos der tiefenpsychologische Sinn von Bayrous irrationaler Strategie: die Hoffnung, dass man ihn in der Stunde der Wahrheit als Held der Wirklichkeit an die Macht zurückholen werde. Wie de Gaulle zu Beginn der Fünften Republik.
De Gaulle überlebte die Revolte des Mai 68. Im Jahr danach stellte er die Vertrauensfrage in Form eines Referendums. Er verlor und trat zurück.
Dank Putins Angriff auf die Ukraine fand Macrons Wiederwahl im Frühling 2022 ohne Wahlkampf statt. Auch während und nach der Covid-Epidemie hatte es keine Debatten gegeben. Drei Parlamentswahlen hat Macron seither verloren.
Mit ihrer Revolte wollten ihn die Gelbwesten zum Rücktritt zwingen.
Morgen beginnt mit «Bloquons tout» der zweite Versuch – diesmal unter der Fuchtel der linksradialen Chaosstrategen. Frankreich fürchtet den Bürgerkrieg.
Rhetorisch fand er am Montag im Parlament statt.
Wie Napoleon und de Gaulle wollte Macron das Land regieren. Jetzt ist er nur noch ein verzweifelter Napoleon. Von de Gaulle unterscheidet ihn nicht nur die fehlende demokratische Gesinnung.
Als Präsident beendete Charles de Gaulle, General der französischen Armee, einen Krieg, den Algerienkrieg, dessen Aussichtslosigkeit und Absurdität er erkannt hatte.