Die Welthandelsorganisation (WTO) sieht sich mit den massivsten Belastungen seit ihrer Gründung konfrontiert. «Wir erleben gerade die schlimmsten Verwerfungen der letzten achtzig Jahre», bilanzierte WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala im Gespräch mit der Welt. Besonders die aktuelle US-Handelspolitik unter Präsident Donald Trump sorgt für «ökonomisches Chaos rund um den Globus», da Washington zunehmend auf bilaterale Deals setzt, die «ausserhalb der WTO stattfinden».
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Inmitten dieser globalen Turbulenzen warnt die WTO-Chefin jedoch davor, in blinden Pessimismus zu verfallen: «In Tagen wie diesen, wenn sich vieles unsicher anfühlt, vergessen wir womöglich manchmal das Positive.» Sie verweist dabei auf die erstaunliche Resilienz des bestehenden Systems, denn trotz der massiven Verwerfungen wird der Welthandel nach wie vor zu fast drei Vierteln nach den geltenden WTO-Vorschriften abgewickelt. Da die grosse Mehrheit der Mitgliedstaaten das gemeinsame Regelwerk weiterhin konsequent anwende, sei die Lage keineswegs aussichtslos. Ihr Fazit zur aktuellen Verfassung der Weltwirtschaft: «Nicht alles ist kaputt.»
Gleichzeitig drängt Okonjo-Iweala darauf, die Organisation «schneller und agiler» zu machen. Ein konkreter Ansatz für notwendige Reformen sei die Bildung von «Koalitionen der Willigen» – Gruppen von Mitgliedstaaten, die innerhalb der WTO gemeinsam neue Regeln entwickeln. Ein zentrales Thema für die Zukunft ist zudem die Reduzierung gefährlicher Abhängigkeiten. «Wir müssen den Welthandel neu denken», fordert Okonjo-Iweala, da viele Länder derzeit zu stark von den USA oder China abhängig seien.
Besonders deutlich werde dies im Bereich der strategischen Rohstoffe: «Plötzlich merken alle: Oh je, wir hängen bei Halbleitern von zwei Ländern ab, China und Taiwan.» Um diese Konzentration aufzubrechen, plädiert sie für eine stärkere Diversifizierung der Lieferketten und verweist unter anderem auf Afrika, wo rund 30 Prozent der weltweiten Vorkommen kritischer Mineralien liegen, die bislang noch nicht vollständig erfasst oder genutzt werden. Trotz der aktuellen politischen Stürme und neuer Konflikte hält sie das multilaterale System daher für reformfähig und unverzichtbar.