Der Krieg im Nahen Osten wirft ein grelles Flutlicht auf die deutsche Wirklichkeit. Amerika greift an, Krieg zwischen Israel und dem Iran, ein Flächenbrand breitet sich aus. Tanker stecken im Persischen Golf fest, und in Berlin beginnt die Regierung zu ahnen, wie weit es her ist, mit der eigenen Souveränität. Mit der strategischen Autonomie, mit der technologischen Unabhängigkeit. Es sind immer diese grossen Worte, die in Talkshows glänzen wie frisch polierte Dienstwagen. Das Problem ist nur: Sie spiegeln derart, dass man blind wird.
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Fangen wir beim Offensichtlichen an: Energie. Deutschlands Industrie lief jahrzehntelang mit billigem russischem Gas. Das ist politisch erledigt. Also kommt Gas jetzt aus den USA und aus Norwegen, ein bisschen auch aus dem Nahen Osten. Öl? Ebenfalls aus den USA, aus der Nordsee, aus Saudi-Arabien, aus Kasachstan. Deutschland fördert selbst ungefähr so viel, wie man braucht, um eine mittelgrosse Grillparty zu betreiben.
Weiter zur digitalen Zukunft. Künstliche Intelligenz gilt als die Schlüsseltechnologie des Jahrhunderts. Die entscheidenden Modelle kommen aus den USA. OpenAI, Google, Microsoft. Die europäische Alternative Anthropic haben die Amerikaner gerade kurzerhand verboten. Die Chips, die diese KI antreiben, stammen von Nvidia in Kalifornien oder aus Fabriken in Taiwan und Südkorea. Die Cloud? Sie stammt von Amazon, Microsoft, Google. Die Betriebssysteme auch. Deutschland diskutiert derweil sehr engagiert über Regulierung. Das ist auch eine Form von Wertschöpfung, nur eben ohne Wert.
Dann die Rohstoffe. Seltene Erden, ohne die weder Windräder noch Elektromotoren noch moderne Elektronik funktionieren, kommen zu grossen Teilen aus China. Lithium für Batterien kommt aus Australien und Südamerika. Kobalt aus dem Kongo. Selbst bei Medikamenten ist die Lage globalisiert: Ein grosser Teil der Wirkstoffe für Antibiotika und Generika wird heute in Indien oder China produziert. Ohne sie werden die Deutschen krank und wissen sich nicht zu helfen
Das alles nennt sich „Lieferkette“: klingt modern und nach internationaler Arbeitsteilung, bedeutet aber Abhängigkeit. Deutschland glich jahrzehntelang einer perfekt konstruierten Maschine, deren Bauteile aus der ganzen Welt stammen. Das funktionierte erstaunlich gut, solange die Welt freundlich blieb und die Frachtschiffe fuhren. Doch damit ist Schluss. Schuldenkrisen, Epidemie und Kriege haben dieses Geschäftsmodell geschreddert.
Was bleibt ist die einzige Ressource, die Deutschland tatsächlich selbst besitzt. Sie befindet sich nicht im Boden und wird auch nicht per Tanker geliefert. Sie liegt zwischen den Ohren und heisst Verstand. Aus ihr werden Ingenieurskunst, Präzision und Kreativität. Aus ihr wächst die Fähigkeit, komplexe Dinge zu bauen: Maschinen, Autos, Chemieanlagen, Produktionssysteme. Jahrzehntelang war Deutschland Weltmeister darin, Ideen in Stahl, Software und Exportüberschüsse zu verwandeln. Es wäre eine gute Idee, diese Ressource jetzt einzusetzen.