Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat nach dem EU-Gipfel in Brüssel Kritik an der deutschen Bundesregierung und an Kanzler Friedrich Merz geübt. In einer Pressekonferenz warf er der deutschen Führung mangelndes Fingerspitzengefühl und ein lückenhaftes historisches Gedächtnis vor.
Anlass für Orbáns Kritik waren Äusserungen des Bundeskanzlers zu den blockierten Finanzhilfen für die Ukraine. Orbán bezeichnete das Timing der deutschen Kritik als «geschmacklos», da sie mit dem Jahrestag der deutschen Besetzung Ungarns im Jahr 1944 zusammenfiel. «Man sollte denjenigen nicht drohen, den man früher besetzt, dessen Juden man deportiert und dessen Land man geplündert hat», so der Ministerpräsident wörtlich. Er fügte hinzu, dass «guter Geschmack» und «historische Erinnerung» offensichtlich keine Stärken der aktuellen deutschen Regierung seien.
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Seine Blockade des EU-Kredits begründete er erneut mit der Unterbrechung der ukrainischen Öl-Lieferungen durch die «Druschba»-Pipeline nach Ungarn. Orbán stellte eine direkte Bedingung: «Wenn es kein Öl gibt, gibt es auch kein Geld».
Über das bilaterale Verhältnis hinaus zeichnete Orbán ein düsteres Bild der europäischen Strategie. Er warf den EU-Institutionen «Amateurhaftigkeit» vor. Während die USA und Russland von der aktuellen Energiekrise profitieren würden, habe sich Europa durch Sanktionen und schlechte Beziehungen zu China und dem Nahen Osten in eine «totale, hoffnungslose Isolierung» manövriert.
Orbán kündigte an, dass Ungarn seine nationale Strategie zur Sicherung der Energieversorgung unabhängig von Brüssel vorantreiben werde und den Dialog mit allen globalen Akteuren – einschliesslich Russland und China – aufrechterhalten wolle.