Baden-Württemberg, März 2026. Die grüne Illusion der planwirtschaftlichen Weltrettung zerschellt an der Abrissbirne der Wirklichkeit. Der Ölpreis explodiert, die Autoindustrie wird auf das Schafott geführt, und der konservative Zeitgeist ruft nach einer Rückkehr zur vernunftgeleiteten Realpolitik. Und wer triumphiert in genau dieser historischen Sekunde im Stuttgarter Ländle? Ausgerechnet ein Grüner. Cem Özdemir.
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Man muss sich verwundert die Augen reiben. Es ist geradezu eine Gewaltschlappe für die CDU, dass sie aus dieser weltpolitischen Grosswetterlage kein Kapital schlagen kann und stattdessen einem grünen Paläopolitiker den Vortritt überlassen muss. Doch um dieses Paradoxon zu verstehen, müssen wir zwei Dinge schonungslos analysieren: das unbestreitbare Talent des Siegers und die bodenlose strategische Inkompetenz der Verlierer.
Ehre, wem Ehre gebührt: Cem Özdemir ist eine politische Hochbegabung. Wer ihn einmal persönlich auf einem Podium erlebt hat, weiss um seine gewinnende Persönlichkeit. Er wirkt vernünftig, pragmatisch, bürgerlich. Er war einst der unangefochtene Shootingstar seiner Partei, der smarte Aufsteiger, bevor ihn die allzu menschliche Verfehlung der Bonusmeilen-Affäre tief abstürzen liess. Viele hatten ihn damals abgeschrieben. Doch in der Politik leben die Totgesagten bekanntlich länger. Özdemir hat sich zurückgekämpft, geläutert, mit der Patina eines Mannes, der die Höhen und Tiefen der Macht kennengelernt hat. Er verpackt linke Politik so elegant in schwäbische Gemütlichkeit, dass selbst gestandene Mittelständler vergessen, wer da eigentlich regiert.
Doch Özdemirs Wiederaufstieg wäre niemals möglich gewesen ohne die intellektuelle Unfähigkeit der heutigen CDU. Unter Friedrich Merz hat sich die einstige Volkspartei in eine strategische Sackgasse manövriert. Aus lauter Panik vor dem medialen Mainstream hat man eine unheilige «Brandmauer» gegen den politischen Mitbewerber AfD hochgemauert – jene bürgerliche Abspaltung, mit der man inhaltlich die grössten Schnittmengen hätte. Wer aber den natürlichen Partner wie ein Monster im Keller einsperren will, merkt am Ende nicht, dass er sein eigenes Fundament einreisst.
Das Resultat dieser Arroganz ist verheerend: Die Arbeiter wählen die AfD, die FDP kämpft ums nackte Überleben, und die CDU verliert sich in völliger Unglaubwürdigkeit. Özdemir ist der lachende Dritte. Er stösst in ein bürgerliches Vakuum, das eine führungsschwache, nach links schielende Union mutwillig hinterlassen hat.
Herrn Özdemir gebührt ein Kompliment zu dieser meisterhaften politischen Lebensleistung. Für die Konservativen in Deutschland jedoch ist dieser Sieg ein schriller Weckruf: Wer die Gesetze der politischen Schwerkraft ignoriert, wird am Ende von einer pragmatischen Hochbegabung links überholt.