Politik als Märchen: In Georgien hält Milliardär Bidsina Iwanischwili nach der Präsidentenwahl die Zügel fest in der Hand. Der einstige Hoffnungsträger des Westens beäugt diesen mittlerweile skeptisch
Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Abonnemente
Jedes Abo eine Liebeserklärung an die Meinungsvielfalt.
AboDigital
Für alle, die Online lesen wollen
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
AboPrint & Digital
Printausgabe & digital jederzeit dabei
Wöchentliche Printausgabe
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
Sind Sie noch nicht überzeugt? Details zu den Abos
Die Weltwoche

Politik als Märchen: In Georgien hält Milliardär Bidsina Iwanischwili nach der Präsidentenwahl die Zügel fest in der Hand. Der einstige Hoffnungsträger des Westens beäugt diesen mittlerweile skeptisch

Die politische Welt wird immer märchenhafter und sportlicher: Wer die Flugbahn klug berechnet, hüpft geschickt vom Trampolin, federt sodann von der LSE leicht ab und landet, die kinetische Energie sicher fokussierend, glücklich im Aussenamt. Wer Märchen erzählen kann, weiss auch als Wirtschaftsminister Industrien von einem Kontinent auf den anderen zu zaubern, bis sein Land schliesslich erleichtert wieder vorindustriell reine Luft atmen kann. Wer jedoch als Mittelstürmer in Russland, England und der Schweiz meisterhaft Tore verwandelte, wird vom Torschützenkönig traumhaft georgisch zum Präsidenten befördert. In Georgien, einem Land, das Hunderttausende Kilometer von uns entfernt liegt: In 2700 Kilometer Luftlinie Entfernung wurde am 14. Dezember Micheil Kawelaschwili zum Präsidenten gewählt, der politische Erfahrungen unter anderem bereits bei Dynamo Tbilissi, Manchester City, Grashopper Zürich und Alanija Wladikawkas gesammelt hat. Wer wie Kawelaschwili vom Fussballplatz und nicht vom Völkerrecht kommt, weiss, dass «wer selbst ein Verlierer ist, anderer Leute Erfolg nicht ertragen kann».

Copyright 2024 The Associated Press. All rights reserved
Demonstrators gather outside the Parliament building for an anti-government rally in Tbilisi, Georgia, on Saturday, Dec
Copyright 2024 The Associated Press. All rights reserved

So etwa Salome Surabischwili, die – wie ihre Cousine Hélène Carrère d’Encausse (1929–2023), Sekretärin auf Lebenszeit der Académie française – aus einer georgischen Emigrantenfamilie stammt und von der grande école Science Po kommt, von Präsident Saakaschwili 2004 von der Botschafterin Frankreichs zur georgischen Aussenministerin befördert, im Folgejahr entlassen und 2018 mit Unterstützung des regierenden Parteienbündnisses Georgischer Traum des Milliardärs Iwanischwili zur Präsidentin gewählt wurde, die nicht abtreten und die Wahl Kawelaschwilis nicht anerkennen will. Oder die Opposition, die der Wahlversammlung ebenso fernblieb wie dem neugewählten Parlament, dessen Legitimität sie nicht anerkennt.

Zu den Wahlsiegern zählt der im Russland der 1990er Jahre im Zwielicht der Privatisierung des Staatsvermögens märchenhaft reich gewordene westgeorgische Kleinbauernsohn Iwanischwili, der bis 2008 Saakaschwili unterstützte, sich mit ihm überwarf und 2012 das Parteienbündnis Georgischer Traum gründete und als dessen Financier Politiker fördert und fallen lässt. Verloren hat er jedoch zuvor mehrere Millionen durch den Anlageberater Patrice Lescaudron von der Credit Suisse, der sich 2020 das Leben nahm. Diesen Selbstmord hält Iwanischwili jedoch für ein Märchen, das er von Privatdetektiven erforschen liess: Er vermutet hinter dem Verschwinden Lescaudrons und seiner Millionen amerikanische Dienste. Sein Vertrauen in die westliche Welt ist seither erschüttert. Im Bau seines Anwesens am Schwarzen Meer residierend, beäugt der einstige Hoffnungsträger des Westens mittlerweile Osten, Westen, Norden und Süden skeptisch und vertraut allein seiner Hausmacht: Eine weitere europäische Integration seines Landes wird er danach beurteilen, ob sie seine Hausmacht stärkt oder schwächt.

Die Privatisierung der Politik findet nicht nur «in Ländern, die Hunderttausende von Kilometern von uns entfernt liegen», statt. Das Politische wird immer privater. Das sportliche Rennpferd Incinatus aus dem Rennstall der pars prasina erlangte einst den Rang eines Konsuls. Im Jahr 41 verlor der Gaul das passive Wahlrecht. Eine bis heute rechtskräftige speziesistische Diskriminierung, die Ost wie West sicherlich bald sportlich überwinden werden.

 

Philipp Ammon ist Historiker und Kaukasiologe. 2020 erschien im Verlag Vittorio Klostermann «Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Die Wurzeln des Konflikts vom 18. Jahrhundert bis 1924». Im Berliner Gans-Verlag erscheinen nun der georgische Reise-Essay «Tuschetiens Wolken und Karthlis Untergang. Von der Schönheit und Zerstörung einer Kulturlandschaft am Rande der bewohnten Welt» mit einem Vorwort von Dieter Boden sowie die europäische Elegie «Die schöne Zeit».

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 01.04.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.