Die politische Welt wird immer märchenhafter und sportlicher: Wer die Flugbahn klug berechnet, hüpft geschickt vom Trampolin, federt sodann von der LSE leicht ab und landet, die kinetische Energie sicher fokussierend, glücklich im Aussenamt. Wer Märchen erzählen kann, weiss auch als Wirtschaftsminister Industrien von einem Kontinent auf den anderen zu zaubern, bis sein Land schliesslich erleichtert wieder vorindustriell reine Luft atmen kann. Wer jedoch als Mittelstürmer in Russland, England und der Schweiz meisterhaft Tore verwandelte, wird vom Torschützenkönig traumhaft georgisch zum Präsidenten befördert. In Georgien, einem Land, das Hunderttausende Kilometer von uns entfernt liegt: In 2700 Kilometer Luftlinie Entfernung wurde am 14. Dezember Micheil Kawelaschwili zum Präsidenten gewählt, der politische Erfahrungen unter anderem bereits bei Dynamo Tbilissi, Manchester City, Grashopper Zürich und Alanija Wladikawkas gesammelt hat. Wer wie Kawelaschwili vom Fussballplatz und nicht vom Völkerrecht kommt, weiss, dass «wer selbst ein Verlierer ist, anderer Leute Erfolg nicht ertragen kann».
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So etwa Salome Surabischwili, die – wie ihre Cousine Hélène Carrère d’Encausse (1929–2023), Sekretärin auf Lebenszeit der Académie française – aus einer georgischen Emigrantenfamilie stammt und von der grande école Science Po kommt, von Präsident Saakaschwili 2004 von der Botschafterin Frankreichs zur georgischen Aussenministerin befördert, im Folgejahr entlassen und 2018 mit Unterstützung des regierenden Parteienbündnisses Georgischer Traum des Milliardärs Iwanischwili zur Präsidentin gewählt wurde, die nicht abtreten und die Wahl Kawelaschwilis nicht anerkennen will. Oder die Opposition, die der Wahlversammlung ebenso fernblieb wie dem neugewählten Parlament, dessen Legitimität sie nicht anerkennt.
Zu den Wahlsiegern zählt der im Russland der 1990er Jahre im Zwielicht der Privatisierung des Staatsvermögens märchenhaft reich gewordene westgeorgische Kleinbauernsohn Iwanischwili, der bis 2008 Saakaschwili unterstützte, sich mit ihm überwarf und 2012 das Parteienbündnis Georgischer Traum gründete und als dessen Financier Politiker fördert und fallen lässt. Verloren hat er jedoch zuvor mehrere Millionen durch den Anlageberater Patrice Lescaudron von der Credit Suisse, der sich 2020 das Leben nahm. Diesen Selbstmord hält Iwanischwili jedoch für ein Märchen, das er von Privatdetektiven erforschen liess: Er vermutet hinter dem Verschwinden Lescaudrons und seiner Millionen amerikanische Dienste. Sein Vertrauen in die westliche Welt ist seither erschüttert. Im Bau seines Anwesens am Schwarzen Meer residierend, beäugt der einstige Hoffnungsträger des Westens mittlerweile Osten, Westen, Norden und Süden skeptisch und vertraut allein seiner Hausmacht: Eine weitere europäische Integration seines Landes wird er danach beurteilen, ob sie seine Hausmacht stärkt oder schwächt.
Die Privatisierung der Politik findet nicht nur «in Ländern, die Hunderttausende von Kilometern von uns entfernt liegen», statt. Das Politische wird immer privater. Das sportliche Rennpferd Incinatus aus dem Rennstall der pars prasina erlangte einst den Rang eines Konsuls. Im Jahr 41 verlor der Gaul das passive Wahlrecht. Eine bis heute rechtskräftige speziesistische Diskriminierung, die Ost wie West sicherlich bald sportlich überwinden werden.
Philipp Ammon ist Historiker und Kaukasiologe. 2020 erschien im Verlag Vittorio Klostermann «Georgien zwischen Eigenstaatlichkeit und russischer Okkupation. Die Wurzeln des Konflikts vom 18. Jahrhundert bis 1924». Im Berliner Gans-Verlag erscheinen nun der georgische Reise-Essay «Tuschetiens Wolken und Karthlis Untergang. Von der Schönheit und Zerstörung einer Kulturlandschaft am Rande der bewohnten Welt» mit einem Vorwort von Dieter Boden sowie die europäische Elegie «Die schöne Zeit».