Rechtschreibung wird Gerechtschreibung: Über die wohltuende Einfachheit der Initiative «Tschüss Genderstern»
Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Abonnemente
Jedes Abo eine Liebeserklärung an die Meinungsvielfalt.
AboDigital
Für alle, die Online lesen wollen
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
AboPrint & Digital
Printausgabe & digital jederzeit dabei
Wöchentliche Printausgabe
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
Sind Sie noch nicht überzeugt? Details zu den Abos
Die Weltwoche

Rechtschreibung wird Gerechtschreibung: Über die wohltuende Einfachheit der Initiative «Tschüss Genderstern»

Rechtschreibung wird Gerechtschreibung. Am auffälligsten unter den neuen Zeichen und Wortformen ist der sogenannte Genderstern.

Er heisst falsch. Der Genderstern ist kein freundlicher Himmelskörper, sondern eine kleine Schraube, mit welcher besorgte Menschen ihre Botschaften der Gerechtigkeit am Wolkenkuckucksheim festschrauben. Sie halten das dünnwandige Gehäuse, das irgendwo im Luftigen schwebt, für das Weltgebäude und wollen es durch eine erfundene Sprache robust und stabil machen.

PETRA OROSZ
Ein resrvierter Parkplatz fuer Kunden und Kundinnen mit Generstern, fotografiert am 10
PETRA OROSZ

Die Genderschraube steht als Symbol für eine Flut von Sprachgeboten und -verboten, die von Medien, Universitäten, Unternehmen, Parteien, Ämtern und weiss der Kuckuck von wem noch verkündet und angewendet werden. Haben wir Eidgenossen nicht unsere Erfahrungen mit Leuten, die befehlen, wer wann wie zu grüssen ist, und haben wir nicht gehört, was Wilhelm Tell Herrn Gessler geantwortet hat?

Schauen wir die neue Sprache an. Bundesrat Beat Jans (SP) hat ihren Grundfehler gezeigt, als er im Dezember des letzten Jahres frisch gewählt vor die Öffentlichkeit trat, die Hände in einer Haltung der Verbundenheit und Demut dachartig über dem Kopf zusammenlegte und sagte: «Das Volk ist meine Chefin!»

Der Mann wird gewählt, die Frau wird nicht gewählt, ausbaden muss es die Sprache. Das Volk ist der Souverän, nicht die Souveränin. Mit der falschen Form zaubert der Bundesrat eine Fantasiefrau auf die Bühne und setzt sie flugs an die Spitze. Dass das Gerechtigkeit genug ist, das ist die Logik der Wolkenkuckucksheimer. Wollen die benachteiligten Gruppen gerechte Plätze in der Gesellschaft oder gerechte Wörter? Angenehmer ist es, mit Wörtern zufrieden zu sein, so erspart man sich das Kämpfen.

Gut an der Auseinandersetzung um die sogenannte gerechte Sprache ist, dass öffentlich über Pronomen und Partizipien gesprochen wird; das könnte das Sprachbewusstsein stärken. Zur Förderung der Debatte sei auf einige Sprachtatsachen hingewiesen. Tatsachen sind sie zwar nur für den, der den allgemeinen Sprachgebrauch anerkennt und nicht mit der blinden Brille des Ideologen auf das Leben schaut.

Die Begriffe der Grammatik tragen Namen, die selten genau zutreffen. Das Possessivpronomen, das besitzanzeigende Fürwort, bezeichnet keineswegs immer den Besitz: was meine Freunde, euer Kummer bedeutet, definiert nicht das ZGB. So meint auch das grammatische Geschlecht mit den Artikeln die und der keineswegs immer das biologische Geschlecht oder, mit dem Neutrum das, sein Fehlen: der Mensch, die Person, das Individuum gelten für Frauen und Männer.

Bei Wörtern kommt es immer auf den Zusammenhang an. Der Ordner dient entweder zum Abheften oder trägt eine Armbinde. Gerade Wörter mit dem der-Artikel, der als männlicher Artikel gilt, sind oft unscharf und offen für weibliche und männliche Menschen. Die Philosophin Hannah Arendt schrieb ihrem Lehrer Karl Jaspers kurz nach dem Untergang des Dritten Reiches: «Seitdem ich in Amerika bin, also seit 1941, bin ich eine Art freier Schriftsteller geworden, irgend etwas zwischen einem Historiker und einem politischen Publizisten.» Eine Frau kann so reden, ein Mann aber kann Jägerin oder Fischerin nur sein, wenn er Fasnacht feiert.

Auch die Mehrzahl ist oft nicht eindeutig: Die Bürger sind, ungenau, Männer und Frauen und werden erst genau männlich, wenn man die Bürgerinnen neben sie stellt. Ist es ein Beweis von Gerechtigkeit, wenn wir immer beide Formen nuscheln oder mechanisch in unsere Texte klopfen? Folgerichtig müsste man zu den Bürgerrechten immer noch die Bürgerinnenrechte aufrufen. Bezeichnungen wie Bäcker, Leser, Politiker sagen mit ihrer Endung -er eigentlich nur, dass da jemand etwas tut oder ist.

Dass solche Wörter in unserer Geschichte und Gegenwart eher auf Männer als auf Frauen gemünzt sind, liegt nicht an den Wörtern, sondern an unserer Geschichte und Gegenwart. Hinzu kommt, dass wir allgemeine Begriffe brauchen. «Zwei Frauen und ein Mann waren unterwegs, jeder und jede trug einen Regenschirm» – das soll gerecht sein, aber es trifft nicht zu.

Und was machen wir mit den Widerlingen? Ein Kreis von Experten, die gerade vom Halleluja-Versand neue Heiligenscheine bezogen hatten, kam neu erleuchtet zur Einsicht, alle Wörter auf -ling seien Beschimpfungen. So machten sie den Lehrling zum Lernenden, und in den Kinderwagen betten sie künftig pausbäckige Saugende. Das Partizip ist das Allheilmittel der Geschlechtergerechtigkeit. Die Leser werden zu Lesenden, die Nobelpreisträger wahrscheinlich zu Nobelpreistragenden.

Auch für die Experten drängt sich heute die gerechte Form auf: die Experimentierenden. Ich lese und höre von Forschern und denke mir, dass das Frauen und Männer sind. Muss ich das bei den Forschenden nicht auch dazudenken? Der Mehrwert der partizipialen Holper- und Stolperform: Ich kann mit ihr beweisen, dass ich ein gerechter Mensch bin.

Nun hat die Zürcher Kantonsrätin Susanne Brunner (SVP) mit hartnäckiger Energie eine Initiative zustande gebracht, die unter dem Titel «Verständliche Sprache» in wohltuender Kürze fordert: 1. Die Behörden verwenden eine klare, verständliche und lesbare Sprache. 2. Sie verzichten in behördlichen Texten auf die Verwendung von Sonderzeichen innerhalb einzelner Wörter.

Der kurze Text bringt auf den Punkt, dass es eigentlich um Stilfragen geht. Stil ist Wahl und setzt Geschmack voraus. Die gerechte Sprache mit ihren -Innen und -nden und pedantischen Doppelungen und Hieroglyphen ist keine Sprache, sondern ein Hickhack.

Wer der Initiative zustimmt, ist nicht etwa gegen Gleichberechtigung und Achtsamkeit und Respekt und wie die schönen Wörter alle lauten. Er will einfach keine Behörde, die die Sprache zerhackt und ihn anweist, was und wie er aus den Möglichkeiten unserer Sprache wählt. Er hält nichts von Lippenbekenntnissen und glaubt nicht, dass die Menschen gut behandelt sind, wenn man die Sprache schlecht behandelt.

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 01.04.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.