Ringier-CEO Marc Walder nimmt seinen Titel wörtlich: Als oberster ausführender Offizier befahl er, die Regierung während der Pandemie zu unterstützen. Seine Kavallerie gehorchte
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Ringier-CEO Marc Walder nimmt seinen Titel wörtlich: Als oberster ausführender Offizier befahl er, die Regierung während der Pandemie zu unterstützen. Seine Kavallerie gehorchte

«CEO Walder, Sir! Ein Kavallerist meldet dienstbereit!»

Ob diese Bereitschaftsmeldung militärischen Vorschriften genügt, mögen Fachleute prüfen. Dass CEO Walder jedenfalls dem Militärischen zugeneigt ist, hat er mit seiner Befehlsausgabe gezeigt, als er seine Leute anwies, die Regierung in ihren Pandemiemassnahmen zu unterstützen.

Dieser CEO nimmt seinen Titel wörtlich: Chief Executive Officer – das ist der oberste ausführende Offizier eines Unternehmens. Warum aber trete ich, der ich einst zum Militärradfahrer ausgebildet wurde, als Kavallerist an? Etwa, weil Militärrad und Militärross beide Fortbewegungsmittel mit Sattel sind, der Sattel des Gauls aber ein höheres und damit stolzeres Sitzen gewährt? Nein, und zur Begründung verweise ich auf den englischen Journalisten Eric Arthur Blair.

URS FLUEELER / KEYSTONE
Marc Walder von Ringier beim Swiss Media Forum vom Donnerstag, 23
URS FLUEELER / KEYSTONE

Dieser hielt 1946 im Aufsatz «Politics and the English Language» die klassische Beobachtung fest, dass sich Kavalleriepferde, wenn das Signalhorn schmettert, von selber in die gewünschte und gewohnte Ordnung stellen. Blair zielte auf den Schreibstil von Allerweltsautoren, denen, sobald ein Thema aufklingt, lauter gewohnte und gewünschte Ausdrücke einfallen, Floskeln und Phrasen. Die Sprache der Politik, schreibt Blair, soll die Lüge zur Wahrheit machen, den Mord ehrenwert; sie gibt dem Luftzug den Anschein, fest und tragfähig zu sein. Ein Schreiber, der auf die Machthaber hören will, wählt also zu seinem Vorteil ein Reittier, das den klingenden Signalen von selber folgt.

Eric Arthur Blair ist heute unter seinem Künstlernamen George Orwell berühmt. Das Regime des Grossen Bruders in «1984» und das gesellschaftliche Verhalten in der «Farm der Tiere» hat er nicht als Dichter erfunden, er hat sie der Wirklichkeit abgeschaut.

Die Liste derer, die zu guten Büchern auch gute Zeitungsbeiträge schreiben, ist lang. In sie hat sich auch Immanuel Kant eingetragen; sein Wort für Freiheit und bürgerliches Bewusstsein («Was ist Aufklärung?») sprach er 1783 nicht in einem Hörsaal der Universität, sondern in der Berlinischen Monatsschrift. Warum? Weil er die grosse Öffentlichkeit erreichen wollte.

Die Freiheit, selber zu denken und seine Gedanken öffentlich zu äussern, nennt Kant die unschädlichste aller Freiheiten. Andere halten den Gebrauch der Vernunft, das Räsonieren, für schädlich. Kant führt den Geistlichen an, der sagt: «Räsoniert nicht, sondern glaubt!» Und den Offizier mit dem Befehl: «Räsoniert nicht, sondern exerziert!»

Im «Exerzierreglement für die Eidgenössische Kavallerie», erschienen in Winterthur 1865, liest der aufmerksame Berittene folgende Begriffsbestimmung: «Grundlinie ist diejenige Linie, von der eine Truppe ausging, um irgendeine Bewegung auszuführen. Einen geraden Marsch nennt man denjenigen, wenn eine Truppe senkrecht auf ihre Grundlinie marschiert.»

CEO Walder befiehlt seinen Redaktionen, im geraden Marsch von der Grundlinie aus zu reiten, und diese Grundlinie wird von der Regierung festgelegt. Er bekennt in einem Video: «Wir wollen die Regierung unterstützen durch unsere mediale Berichterstattung, dass wir alle gut durch die Krise kommen.» Der CEO denkt an die Corona-Krise; sein «Wir alle» umarmt aber vor allem die Presseunternehmen und die Exekutive.

Die Krise der Zeitungen besteht stets darin, dass sie zu wenig Geld verdienen. Die Dauerkrise der Regierenden: Sie werden von Volk und Parlament im Regieren behindert, und sie wollen im Amt bleiben. Hier helfen Absprachen. Die Medien stellen die Massnahmen der Politik ins helle Licht und schieben die Kritiker in den Schatten. Sie dürfen dafür auf ein Bundesgesetz zugunsten der Medien hoffen.

Zeuge einer solchen Absprache ist wieder CEO Walder, diesmal mit einer Mail vom 20. März 2020. Ihr ist zu entnehmen, dass sich Bundesräte und Medienhäuser darauf verständigt haben, im Kampf gegen das Virus die Bürger zum Wahren des Abstands aufzurufen: «Seien Sie solidarisch: Bleiben Sie zu zu Hause!» Welche anderen Absprachen gibt es noch? Allen Beteiligten ist zugutezuhalten, dass sie es gut meinten und dass sie in echter Sorge gehandelt haben.

Von Menschen aber, die in der Öffentlichkeit handeln oder diese Öffentlichkeit kritisch betrachten, wird nüchternes Urteilsvermögen erwartet. Gerne wüsste ich, ob alle Amtsinhaber die herrschende Politik mittragen und aus welchen Gründen sie Bedenken haben. Wenn beim Anmarsch des Feindes alle aufs Tor starren, muss mindestens einer die Hinterpforte im Blick haben. Eine Gesellschaft, welche die Freiheit des Denkens unterdrückt, gefährdet sich selber.

Es ist Zeit für eine neue Lagebeurteilung. Wie steht es mit den mRNA-Impfungen? Ist es richtig, dass seit ihrem Beginn weltweit Hunderte Sportler plötzlich gestorben sind? Warum ruft der Spitzenfussballer Thomas Müller in einem Video «alle Amateur-, Freizeit und Profisportler» dazu auf sich am «Register für Todesfälle im Sport» zu beteiligen und «plötzliche Todesfälle» zu melden, «die im zeitlichen Zusammenhang mit sportlicher Aktivität stehen»?

CEO Walder sollte nicht Sündenbock sein. Jeder, der schreibt, ist in Gefahr, die Sache aus dem Blick zu verlieren und sich von Menschen und Stimmungen abhängig zu machen. Der einzige Schutz ist das Zulassen der Gegenstimmen. Das unabhängige Urteil ist ein Gemeinschaftswerk.

Der Kavallerist merkt, dass er weit davon entfernt ist, Befehle anzunehmen. Er wendet sein Pferd und reitet in seiner eigenen Richtung davon. Die Sonne sinkt am Horizont, und Banjo-Klänge liegen in der Luft. Zeitungen sind aus Papier gemacht; was auf dem Papier steht, kann lange nachwirken. Aus welchem Stoff ist der Beruf des Journalisten gemacht? Aus goldener Ehre, und auch ihr Gegenteil wirkt nach.

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