Ein geflügeltes Wort besagt, dass eine Sache gegessen ist, sobald das päpstliche Rom gesprochen, das heisst, entschieden hat: Roma locuta, causa finita.
Das geflügelte Wort hat sich vor einigen Tagen in Form, sagen wir, eines Geiers auf dem Petersdom niedergelassen, sagen wir auf den steinernen Schultern des Apostelfürsten Petrus. Laut und unschön verkündete der gefiederte Bote, dass im Vatikan Latein nicht mehr die erste Amtssprache sei. Entzückt hörten das die Medien, und eine Zeitung ruft es der anderen zu und schmückt es mit dem Hinweis aufs Latein, mit dem man nun am Ende sei.
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Das ist nicht richtig, denn wer Italienisch spricht oder schreibt, der drückt sich eigentlich lateinisch aus, jedenfalls nicht weit weg davon. Der Entscheid könnte aber bedeuten, dass allmählich auch die Kirche von der Sprache Ciceros und Augustins Abstand nimmt und zur wachsenden Schar der Fussfaulen und Schläfrigen trottet, die nicht mehr über Herkunft und Grundlagen nachdenken wollen, sondern ihre Ohren und Augen mit Bildschirm und Kopfhörer abschotten und es sich auf ihrem schmalen Flecklein Gegenwart bequem einrichten. Bei uns nutzen gerade einige Kantone die «Weiterentwicklung der gymnasialen Maturität» (WEGM) dazu, die klassischen Sprachen abzuwickeln.
Das Wort «katholisch» bezeichnet nach einer Definition aus dem fünften Jahrhundert das, was immer und überall und von allen geglaubt worden ist. Natürlich ist das zu überprüfen, aber dazu muss man es kennen. Wer sich in Amerika zurechtfinden will, muss Englisch beherrschen; der Schlüssel zur Überlieferung ist Latein.
Über Fundament und Herkunft hinaus lehrt einen diese Sprache, sich kurz zu fassen. Der lateinische Wortschatz ist klein, er umfasst rund 55.000 Wörter. Der neueste Duden verzeichnet deren 151.000, aber auch diese Menge ist ein geringer Teil. Lateinische Sätze sind wortkarg und gedankenvoll, ein zu grosser und ungepflegter Wortschatz macht die Sprache wässrig. 1937 rief der Papst gegen das «Dritte Reich» das «Evangelium Jesu Christi» auf und schrieb knapp und deutsch: «Diese Offenbarung kennt keine Nachträge durch Menschenhand, kennt erst recht keinen Ersatz und keine Ablösung durch die willkürlichen ‹Offenbarungen›, die gewisse Wortführer der Gegenwart aus dem sogenannten Mythus von Blut und Rasse herleiten wollen.» Dem klaren Wort folgten allerdings keine klaren Handlungen.
Für die Krankheit, alles zu vergessen, hat die Medizin Begriffe entwickelt. Eine Gesellschaft, die aus Trägheit vergisst, hat keine ärztliche Rechtfertigung. Welchen Zuruf verdient sie?
Der Philosoph Arthur Schopenhauer, ein Meister der Knappheit, der seinen Lesern das Verstehen leicht machte, indem er seine griechischen Zitate ins Lateinische übersetzte, bat jeweils lateinisch um Nachsicht, wenn er derb werden wollte: Sit venia verbo! Und damit zurück zu unserem Geier. Struppig sitzt er noch immer über dem Petersplatz, und man muss wissen, dass er in seiner Freizeit kunstvolle lateinische Haikus dichtet und seine Botschaft nur ungern überbracht hat. Von hoch herab schaut er über die Welt, und ohne Nachsicht zu heischen sperrt er den Schnabel auf und ruft ein lateinisches Wort, das jeder versteht: «Merda!»