Riesa
Über der Elbe liegt der Nebel. Warum sieht diese Flusslandschaft so viel schöner aus als entsprechende Gegenden in der Schweiz? Schon in Dresden fiel mir diese mäandernde, aber elegante Verspieltheit von Windungen, kleinen Biegungen, Böschungen und so etwas wie Buchten auf, die hier den Flusslauf dieser Verkehrslebensader im Osten Deutschlands prägen. In der Schweiz wirkt die Natur an den Fliessgewässern gebändigter, geordneter. Hier ist sie natürlicher, romantischer, um das Klischee nun doch noch zu bemühen. Wären da nicht diese fürchterlichen aus der Ebene ragenden Windräder, diese Kirchtürme der grünen Religion, die auch hier im Osten den evangelischen Glauben ersetzt haben, man fühlte sich fast zurückversetzt in die Fantasievorstellung früherer Jahrhunderte.
PETER GERCKE / KEYSTONE
So, jetzt aber genug des Kitschs, kehren wir zurück zur Prosa der Gegenwart. Ich sitze beim Frühstück mit dem Veranstalter meines gestrigen Vortrags in der ausverkauften Stadthalle. Wir reden über Deutschland und kommen auf Bismarck. Mein Gesprächspartner, schätzungsweise Ende fünfzig, drahtig, agil, redet mit unverkennbar sächsischem oder thüringischem Akzent. Als Schweizer kann ich das noch nicht so genau auseinanderhalten. Er lobt den alten preussischen Reichskanzler als aussenpolitisches Genie des Friedens und der Machtbalance, obwohl er selber ein Liberaler, kein Konservativer oder gar Monarchist sei. Er hat recht. Bismarck wusste, was die heutigen deutschen Aussenpolitiker möglicherweise vergessen haben. Deutschland ist ein Dreh- und Angelpunkt des Gleichgewichts, wie damals auch heute zwischen West und Ost.
Bismarck jedoch, werfe ich ein, war der Chefminister einer Weltmacht, einer Grossmacht, die den anderen noch als solche auf Augenhöhe gegenübertreten konnte. Das ist heute, zum Glück, vorbei. Deutschland, einst gefürchtet und auch belächelt als Gernegross der Politik, ist entlastet, muss nicht mehr gross sein, ist ein Kleinstaat wie die Schweiz, wenn auch ein grösserer. Als Kleinstaat hat Deutschland keine Feinde mehr, sondern nur noch Freunde, keine ängstlich sich verbündenden Nachbarn und Rivalen, sondern Mitwettbewerber auf dem Weltmarkt, mit denen man sich partnerschaftlich, vertraglich zum gegenseitigen Nutzen verbinden kann. Das ist eine riesige Chance, doch wir sprechen darüber, wie wenig die deutsche Politik gegenwärtig daraus macht, ja geradezu das Gegenteil von dem betreibt, was nötig wäre.
Mir gefällt es im Freistaat Sachsen. Die Sachsen sind mir ausserordentlich sympathisch. In den deutschen Medien kommen die Sachsen allerdings meistens schlecht weg. Das Bundesland mit hohem AfD-Anteil gilt als Herz der Finsternis im Osten. Experten und Sachverständige aus dem westlichen Teil Deutschlands beugen sich über die Sachsen wie Psychiater über einen schwierigen Patienten. Mich erinnern die stolzen Bewohner dieses geschichtsträchtigen Herzogtums an die Schweizer, an die fleissigen Zürcher, mit ihrer Sturheit etwas an die Berner, und sie haben auch einen Schuss Walliser Exzentrik, allerdings ohne den Katholizismus. Sachsen ist das alte industrielle Herz des Deutschen Reichs. Wirtschaftlich stets tüchtiger und erfolgreicher als militärisch, trieben die sächsischen Monarchen die frühe Industrialisierung, den Eisenbahnbau sowie die praktische und akademische Bildung voran. Wie die Schweizer eroberten die Sachsen andere Länder nicht mit Gewalt, sondern mit ihren Produkten, etwa dem Meissner Porzellan. Bei Bedarf ging das aufmüpfige Volk immer wieder gegen die eigene Politik auf die Barrikaden. Dem Freistaat haftet etwas Unbotmässiges, etwas Widerspenstiges und Subversives an. In Sachsen begann der Volksaufstand gegen die DDR. Heute leisten die Sachsen Widerstand gegen die Abgehobenheiten der Berliner Republik.
Umso absurder erscheint mir der in den Westmedien wie eine Landplage herumgeisternde Vorwurf, von Bundesländern wie Sachsen ginge eine Gefahr für die deutsche Demokratie aus. Gerade die Sachsen wirken auf mich in ihrer kreativen Renitenz ausgesprochen demokratisch. Wenn etwas die Demokratie bedroht, dann ist es wohl eher die neue salonfähige «Demophobie» von oben, die Angst der deutschen Politiker vor ihren Wählern, dem Volk. Dieses obrigkeitliche Unbehagen am kritischen Teil der eigenen Bevölkerung wächst sich allmählich zu einer aus Schweizer Sicht höchst beunruhigenden Form von bevormundungsstaatlichem Aktivismus aus. Es häufen sich die Meldungen über Hausdurchsuchungen und die Verfolgung «falscher» Meinungen. Dass in Deutschland ernsthaft über ein Verbot der grössten Oppositionspartei, der laut Umfragen inzwischen möglicherweise grössten Partei des Landes, diskutiert wird, ist ein Alarmzeichen. So etwas kennt man sonst nur aus autoritären Staaten oder Diktaturen.
Vor allem der deutsche Osten gilt ja als Brutstätte des «rechten» Ungeists. Das ist interessant. Als ich vor zwanzig Jahren in Deutschland arbeitete, hatte die CDU in Sachsen einen Wähleranteil von über 60 Prozent. In Thüringen lag sie bei deutlich über 50 Prozent. Heute ist in diesen Bundesländern die AfD klar vorne, wenn auch nicht mit Zahlen wie damals die CDU. Die deutschen Mainstream-Medien buchen das routinemässig als Beleg für ihre nicht weiter hinterfragte These ab, vom Osten gehe eine massive politische Radikalisierung aus. Der Gedanke, dass die früheren CDU-Wähler im Osten sich heute für die AfD entscheiden, weil die AfD ungefähr das gleiche Programm vertritt wie damals die CDU, die sich inzwischen allerdings und besonders unter Merkel nach links «radikalisierte», kommt weniger in Betracht. Dabei ist es ja offensichtlich, dass nach sechzig Jahren Sozialismus, nach Jahrzehnten linker Einheitskost viele Ostdeutsche eher konservativ wählen, weil sie gesehen haben, dass der Sozialismus nicht funktioniert. Nicht die Ostdeutschen, die CDU hat sich verändert. Weshalb die unverändert konservativ gebliebenen Wähler in Ostdeutschland sich heute bei der AfD besser aufgehoben fühlen als bei der CDU.