Ukraine-Konflikt: Schüsse fallen, Mütter flüchten mit ihren Kindern in die Schutzräume. In der Ukraine ist der Krieg hörbare Realität
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Ukraine-Konflikt: Schüsse fallen, Mütter flüchten mit ihren Kindern in die Schutzräume. In der Ukraine ist der Krieg hörbare Realität

Die Lage in der ukrainisch-russischen Konfliktzone spitzt sich fast stündlich zu. Meine ukrainischen Verwandten sprechen von Schüssen, die sie hören. In Donezk heulten die Alarmsirenen, und die Zivilisten wurden angewiesen, sich in die Schutzräume zu begeben. Natascha, eine Freundin von mir, packte ihr sechsmonatiges Baby und rannte mit ihrer Mutter in den Keller eines Wohnblocks.

Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved.
A Ukrainian serviceman provides area security during a visit by Gen
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Dort sitzen sie jetzt – und befinden sich in Angst und Ungewissheit. Das Telekommunikationsnetz ist schlecht. Und der Empfang im Keller störungsanfällig. Natascha konnte trotzdem ihre Schwester Anja in Zürich erreichen. «Wir sind im Keller! Ich bin mit dem Kleinen und Mama …»

Am Abend hatte die Regierung die Evakuierung der Zivilbevölkerung ausgerufen. In Bussen wurden vor allem Frauen mit Kindern sowie alte Leute aus der unmittelbaren Gefahrenzone gebracht.

Natascha ist in grösster Sorge. Sie fragte ihre Schwester: «Anja, würdest du dich um mein Baby kümmern, falls ich es nicht überlebe?» Die Situation muss für alle Beteiligten furchtbar sein. Wie sollen Mütter ihren Kindern erklären, weshalb die Welt plötzlich aus den Fugen zu geraten scheint? Wie sollen sie erklären, dass auf dem früheren Kinderspielplatz nun ein Schlachtfeld entsteht?

Für mich stellt sich auch eine geopolitische Frage: Gehört die Ukraine wirklich zu Russland? Ehrlich gesagt wäre es mir recht so. Letztlich war es schon früher so – und es funktionierte. Nun hat sich die Ukraine aber für einen anderen Weg entschieden. Und den gilt es zu respektieren. Dass sie die russische Sprache aber ausblenden will, widerspricht der Realität. Denn für viele Ukrainer ist Russisch die Muttersprache. Mit den meisten meiner ukrainischen Verwandten und Freunden kommuniziere ich auf Russisch.

Ich sehe die Gefahr in der jetzigen Situation auch darin, dass sich die Ukrainer von einer Abhängigkeit in die nächste flüchten. Sie wenden sich von Russland ab – aber werfen sich der Nato (beziehungsweise den USA und der EU) in die Arme. Es ist ein verheissungsvoller Gedanke, ohne Visum in den Westen reisen und sich sogar einen Arbeitsplatz suchen zu können. Doch die Enttäuschung könnte gross werden. Schliesslich haben auch wir in der Schweiz und in Europa nicht Arbeitsplätze für alle.

Die Frage, die sich alle stellen, ist simpel und komplex zugleich: Was muss passieren, dass sich die Situation entschärft und wieder Frieden einkehrt?

Ich habe schon die Theorie gehört, dass sich die Russen für die Niederlage im Kalten Krieg revanchieren wollen. Das halte ich für Unsinn. Der Kalte Krieg kannte weder Sieger noch Verlierer. Es ging letztlich um die Versöhnung und nicht um Unterwerfung und Kapitulation. Gorbatschow hat Russland mit den USA versöhnt, und die ganze Welt jubelte. War das eine falsche Entscheidung? Die Russen sagen: Ja, Gorbatschow hat unser Land zerstört. Was für ein Land?

Als Kind hatte ich den Traum, die Pyramiden mit eigenen Augen zu sehen. Nur blieb es lange ein Traum. Um aus der Sowjetunion auszureisen, brauchte man ein Visum vom KGB. Noch heute besitzen russische Bürger einen Inlandpass für alle administrativen Zwecke und einen Reisepass, um die Grenze zu überqueren. Tourismus im Ausland war während der Sowjetzeit nur in Freundschaftsländern möglich: Rumänien, Bulgarien, DDR, vielleicht Kuba. Aber nach Ägypten? Unmöglich. Das Weltall schien näher als die Pyramiden von Gizeh.

Dann kam Gorbatschow und wechselte den politischen Kurs. Völlig zu Recht hat er dafür den Friedensnobelpreis gewonnen. Gorbatschow öffnete für seine Landleute das Tor zur Welt.

Doch leider hat uns der Kapitalismus überfordert. Wir waren auf den jähen Systemwechsel nicht vorbereitet. Und ehe man sich richtig mit der neuen Realität beschäftigen konnte, stand die Nato vor der Tür. Und heute in der Ukraine bricht ausgerechnet dieses Dilemma wieder auf. Ich hoffe noch immer innig, dass es einen Weg aus diesem Konflikt gibt – und dass die Mütter ihre Babys wieder in Ruhe ins Bett bringen können und nicht in Schutzräume flüchten müssen. Dafür bete ich.

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