Wir schreiben das Jahr 1999. Gerhard Schröder tritt als Kanzler an und übernimmt eine Bürde: mehr als vier Millionen Arbeitslose. Das zentrale Versprechen des neuen Mannes an der Spitze lautet deswegen: «Arbeit für alle.»
Was er macht? Er reformiert das Steuersystem, senkt die Einkommensteuer, und er beschneidet das Sozialsystem nach dem Motto «Fordern und fördern». Seine Partei, die SPD, nimmt’s ihm übel. Aber der Arbeitsmarkt kommt tatsächlich langsam in Bewegung. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt.
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Zurück in die Gegenwart: Heute meldet die Bundesagentur für Arbeit erstmals seit fünfzehn Jahren wieder einen Anstieg der Arbeitslosenzahl auf mehr als drei Millionen Menschen. Die Situation ist nicht zu vergleichen, denn damals war Deutschland noch eine stolze Exportnation, deren Autos und Maschinen weltweit gefragt waren.
China saugte sie auf wie ein Schwamm. Heute kommen die meisten serienreifen Innovationen aus den USA und aus China und sind so klein wie ein Mikrochip. Deutschland hat Mühe, seine Industrie über Wasser zu halten, ein Mittelständler nach dem anderen schliesst gerade ganze Abteilungen. Aber umso mehr sind die alten Rezepte nicht falsch.
Nur sind sie gerade nicht in Sicht, denn wir schreiben das Jahr 2025. Statt über Steuersenkungen wird rund um SPD-Finanzminister Lars Klingbeil über Steuererhöhungen nachgedacht. Und statt um Einschnitte in den Sozialstaat geht es auch unter einem Kanzler Friedrich Merz eher um dessen Ausbau. Dabei würden die Menschen die bittere Medizin schlucken, wenn denn Aussicht auf Besserung bestünde. Nur leider hat ein Arzt wie der damalige Bundeskanzler heute gerade keinen Dienst.