Ehrenwort, ich habe es kommen sehen. Es war keine Frage, ob, sondern nur, wann das Judesein des ukrainischen Präsidenten problematisiert würde. Letzten Sonntag war es so weit.
Der russische Aussenminister Sergei Lawrow wiederholte in einem Interview mit einem italienischen TV-Sender eine Behauptung, die seit dem Beginn des Überfalls auf die Ukraine als Begründung dafür herhalten muss, dass die Ukraine «entnazifiziert» werden muss: In dem Land seien Nazis am Werk.
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Wenn nun gefragt werde, so Lawrow: «Wie kann es eine Nazifizierung geben, wenn der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Jude ist?», dann könne er, Lawrow, sich zwar irren, aber: «Adolf Hitler hatte auch jüdisches Blut. Das heisst überhaupt nichts. Das weise jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind.»
Wie in fast jeder Lüge steckt auch in dieser ein Körnchen Wahrheit. Auch ein Jude kann ein Antisemit sein. Karl Marx war einer, der österreichische Kanzler Bruno Kreisky ebenfalls. Es gibt einen «jüdischen Selbsthass», aber in der Regel sind die eifrigsten Antisemiten eben keine Juden, sondern Angehörige anderer Ethnien und Religionen, von Martin Luther bis Richard Wagner, von Henry Ford bis David Irving. Die neueste Variante des Old-School-Antisemitismus ist der Antizionismus, der im Kostüm der «Israelkritik» daherkommt.
Auch in Russland gibt es eine antisemitische Tradition, «Pogrom» ist ein russisches Wort. Und wäre Stalin nicht beizeiten gestorben, wäre die «Endlösung der Judenfrage» unter seiner Führung weitergegangen. Andererseits darf nicht vergessen werden, dass die Sowjetunion die Gründung Israels massiv unterstützt hat, in der Hoffnung auf einen Verbündeten im Nahen Osten.
Was die Frage angeht, ob der russische Aussenminister ein lupenreiner Antisemit ist, so gilt erst einmal die Unschuldsvermutung – bis eine Blutprobe Klarheit erbracht hat.