Eine frühere Mitarbeiterin und mutmassliche Missbrauchsbetroffene des verstorbenen US-Finanzierers Jeffrey Epstein tritt erstmals öffentlich unter ihrem Namen auf und berichtet über jahrelange Kontrolle und Ausbeutung. Die frühere russische Modelagentin Swetlana Poschidaewa sagte in einem Interview mit dem Wall Street Journal: «Ich bin total erschöpft. Ich habe seit Wochen weder richtig geschlafen noch gegessen.»
Montage der Weltwoche
Poschidaewa geriet nach eigenen Angaben zwischen 2008 und 2019 in den Einflussbereich Epsteins. Sie arbeitete zeitweise als sogenannte Assistentin und gehörte zu einer Gruppe erwachsener Frauen, die laut Aussagen mehrerer Betroffener unter dem Vorwand beruflicher Chancen an Epstein gebunden wurden. Der Unternehmer, der 2019 in Untersuchungshaft starb, wurde bereits 2008 in Florida wegen Sexualdelikten an Minderjährigen verurteilt.
Nach der Veröffentlichung neuer sogenannter Epstein-Files Ende Januar wurde Poschidaewas Name teilweise ungeschwärzt in E-Mails sichtbar. Das US-Justizministerium bestätigte Redaktionsfehler und erklärte, nur ein kleiner Teil der Dokumente enthalte solche Pannen. Betroffene oder ihre Anwälte könnten auf verbleibende Fehler hinweisen, die anschliessend korrigiert würden.
Für Poschidaewa führte die Veröffentlichung zu wachsendem öffentlichen Druck. Blogger und Onlinekommentatoren verbreiteten ihren Namen und kontaktierten laut ihren Angaben auch Familienmitglieder. Sie habe deshalb entschieden, ihre Geschichte selbst öffentlich zu erzählen. «Ich erzähle diese peinliche Geschichte lieber selbst und bringe sie ein für alle Mal hinter mich, damit ich endlich frei bin und dieses Kapitel abschliessen kann», sagte sie.
Laut Aussagen mehrerer früherer Betroffener funktionierte Epsteins Netzwerk ähnlich wie ein Pyramidensystem. Frauen seien unter Druck gesetzt worden, neue Kontakte zu vermitteln. Epstein kontrollierte laut Zeugenaussagen häufig Visa, Wohnungen, medizinische Kosten und Geldflüsse seiner Umgebung. Zahlungen seien teilweise als Darlehen verbucht worden, was Abhängigkeiten verstärkt habe.
Nach Epsteins Tod meldeten sich Dutzende Frauen bei Entschädigungsprogrammen. Poschidaeva gehörte zu den Antragstellerinnen. «Ich wurde mehr als zehn Jahre lang von Jeffrey Epstein schikaniert und kontrolliert», sagte sie. «Ich habe es satt, von irgendjemandem schikaniert zu werden.»