Silvester mit Scheuklappen: Wie Politiker und Medien vom «friedlichen» Jahreswechsel berichten – und wie er wirklich war
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Silvester mit Scheuklappen: Wie Politiker und Medien vom «friedlichen» Jahreswechsel berichten – und wie er wirklich war

In Berlin war in der Silvesternacht immer schon die Hölle los. Die meisten Berliner sind begeistert, wenn es kracht und blitzt. Der Autor dieses Textes ist 1988 in die deutsche Hauptstadt gezogen. Feuerwerk gab’s auch anderswo, zum Beispiel bei uns am Rhein. In Berlin aber sah das Ganze für mich fast schon nach Bürgerkrieg aus. Wer in Kreuzberg Wert auf einen Neujahrsspaziergang legte, musste im Pulverdampf durch eine knöchelhohe Schicht aus Knallkörperresten, Scherben und Erbrochenem waten.

JULIUS SCHREINER / KEYSTONE
Silvester mit Scheuklappen: Wie Politiker und Medien vom «friedlichen» Jahreswechsel berichten – und wie er wirklich war
JULIUS SCHREINER / KEYSTONE

Seit einigen Jahren haben sich in vielen deutschen Innenstädten die Silvesterfeiern allerdings in einer Weise radikalisiert, wie es sich die Einheimischen nie hätten träumen lassen. Feiernde zielen massenhaft mit Raketen auf Menschen oder liefern einander Schlachten, sie schiessen in Wohnungen, Feiernde greifen Polizisten an, die Feuerwehr oder sogar Sanitäter. Es gibt viele Verletzte, sogar Tote. Feiernde haben sich illegale Sprengkörper besorgt oder selber Bomben gebastelt. Feiernde bauen Barrikaden, aus deren Schutz sie auf die Polizei feuern.

Feiernde verursachen Zerstörungen und Blutvergiessen in einer früher unbekannten Grössenordnung.

Manche dieser Phänomene gab es, wie gesagt, auch früher schon. Hin und wieder. Nun sind sie mancherorts zur Regel geworden. Jetzt sieht es wirklich nach Bürgerkrieg aus. Die Lust an der Zerstörung des Stadtviertels steht den Feiernden ins Gesicht geschrieben. Im Netz posten sie, voller Stolz, zahlreiche Videos. Die Mehrzahl der Feiernden sind junge Männer mit nahöstlichem Migrationshintergrund, eine Tatsache, die trotz des üppigen Bildmaterials von ihren deutschen Buddies zuerst bestritten wurde und deren Benennung jetzt als Rassismus angeprangert wird. Die Wahrheit ist rassistisch.

Sie oder schon ihre Eltern sind nach Deutschland gekommen mit der Begründung, sie suchten Schutz vor Krieg und Verfolgung. Sie gaben an, traumatisiert zu sein. Jetzt sind einige selber ein Albtraum.

In den Polizeiberichten heissen sie oft nur «ein Mann» oder «Männer». Wenn dieser Begriff auftaucht, weiss jeder, was los gewesen ist. «Ein Mann» hat im Supermarkt jemanden niedergestochen: aha. Neuerdings taucht im Volksmund das neue Wort «Einmann» auf. Etwa so: In der Imchenstrasse läuf Einmann Amok. Fahr besser anderswo lang.

Berlin hatte gegen Einmann die Rekordstreitmacht von 4000 Polizisten und 2000 Feuerwehrleuten aufgeboten. In der Bilanz stehen 37 verletzte Polizisten, einer schwebte in Lebensgefahr. Auch ein siebenjähriges Kind überlebte nur knapp. Die Zahl der durch Einmann und seine Freunde verletzten Zivilisten ist schwer zu ermitteln, zumal zeitweise die Notrufnummer wegen Überlastung zusammenbrach. Allein in der Charité wurden 49 Verletzte eingeliefert. 36 Wohnungen brannten nach Beschuss aus, eine Apotheke wurde gestürmt und geplündert. Festnahmen: 400. Haftbefehle: zurzeit einer.

Die Innensenatorin (SPD) sprach danach von einem «friedlichen Silvester», mit der eigentlich immer zutreffenden Ergänzung «dennoch kam es zu Straftaten». Auf Tagesschau.de stand die wegen ihrer Widerspüchlichkeit nachdenklich machende Überschrift «Meistens friedlich – aber auch Tote und Angriffe».

Deutschland kann sich mit fast allem arrangieren, auch mit solchen Silvesterbräuchen. Was soll man auch tun – ausser in jedem Jahr die Zahl der eingesetzten Polizisten und damit des zum Einsatz kommenden Steuergelds weiter zu erhöhen?

In den Folgetagen wurde die Forderung laut, Silvesterfeuerwerk grundsätzlich zu verbieten, ausser in speziell gesicherten Böllerzonen. Ob sich Einmann daran hält, darf als fraglich gelten. Seine Bomben kauft Einmann ja schon jetzt gerne im nahen Polen. Ausserdem stellt sich die Frage, wieso man die Mehrzahl der sich regelkonform verhaltenden Berliner Silvesterfeuerwerker für etwas bestrafen sollte, das sie nicht verbrochen haben. Das wäre so, als ob man wegen der betrunkenen Fahrzeuglenker generell das Autofahren verbietet. Oder wegen der vielen Dealer alle Berliner Parks dauerhaft schliesst – ach so, ja, eine zumindest nächtliche Schliessung der Parks war auch schon im Gespräch.

Blieb eigentlich nur, eine Bestrafung der Täter mit «der vollen Härte des Gesetzes» zu fordern, was dann auch einige Politiker taten. Aber weil darüber nicht sie befinden, sondern Gerichte, dürfte auch dies nicht passieren. Berliner Richter halten meist wenig von harten Strafen, und in den Knästen sind schon jetzt alle Zimmer überbelegt.

Silvester ist in Deutschland jetzt mancherorts gefährlich. Daran müssen die Leute sich halt gewöhnen.

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