Im Libanon sind mehr als eine Million Zivilisten auf der Flucht. Seit dem Wiederaufflammen der Kämpfe zwischen den Israelischen Streitkräften (IDF) und der Hisbollah Anfang März verloren im Libanon ganze Familien von einem Tag auf den anderen ihr Zuhause. Die Notunterkünfte sind überlastet.
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Der Schuldige an dieser Tragödie steht für viele fest: Israel und die Regierung von Benjamin Netanjahu.
Es stimmt: Israels Armee geht im Libanon offensiv und mit grosser Wucht vor. Aber das kommt nicht von ungefähr. Die Hisbollah überzieht Israel mit Raketen und Drohnen. Sie zwingt Millionen von Israelis mehrmals am Tag in den Schutzraum oder in Luftschutzkeller, koordiniert ihre Attacken mit dem Iran.
Eigentlich wäre es Aufgabe der libanesischen Regierung, die Hisbollah daran zu hindern, den Nachbarn im Süden anzugreifen. Zumal die schiitische Miliz im Auftrag der Islamischen Republik handelt – gegen den Willen der Regierung in Beirut.
Innerhalb der libanesischen Gesellschaft zeigen sich zunehmend Risse. Teile der nicht-schiitischen Bevölkerung sind vom Einfluss der Hisbollah erschöpft und sehen in Israel mitunter sogar ein mögliches Gegengewicht. Zugleich wächst auch unter vielen Schiiten die Kritik: Immer häufiger wird die Hisbollah selbst für die Eskalation verantwortlich gemacht, was auf eine vorsichtige, aber spürbare Verschiebung der innerlibanesischen Stimmung hindeutet.
Regierung und Armee sind im Libanon aber zu schwach, um die Hisbollah zu bändigen. Die bewaffneten, vom Iran finanzierten und ausgerüsteten Terrorgruppen zwingen dem Libanon die Interessen Teherans auf. Typisches Beispiel: Als die libanesische Regierung neulich den iranischen Botschafter zur persona non grata erklärte, weigerte er sich, der Ausweisung Folge zu leisten – und blieb in Beirut.
Dass jetzt mehr als eine Million Menschen aus ihren Dörfern im Südlibanon vertrieben werden, hat vor allem einen Grund: Dass sich Beirut von der Stellvertreterin der Islamischen Republik seit Jahren die Politik diktieren lässt.
Solange die libanesische Regierung dies hinnimmt und ihr nichts entgegensetzt, ist an eine Verbesserung der Lage im Südlibanon nicht zu denken. Wer diesen Zusammenhang ausblendet, verkennt die eigentliche Ursache der Krise – und sucht die Verantwortung für die libanesische Tragödie auf der falschen Seite.