Tages-Anzeiger verharmlost Solingen: Über die feinen Nuancen, was gesagt wird und was nicht gesagt wird
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Die Weltwoche

Tages-Anzeiger verharmlost Solingen: Über die feinen Nuancen, was gesagt wird und was nicht gesagt wird

Dieser Text erschien zuerst auf dem Onlineportal Zackbum.

Der mutmasslich islamistisch motivierte Terroranschlag von Solingen am vergangenen Freitag mit drei Toten und acht Schwerverletzten war dem Tages-Anzeiger kaum viel Berichterstattung wert.

Selbst vom Schwesterblatt Süddeutsche Zeitung übernahm man diesmal keine Artikel. Das war im Mai noch anders, als im Restaurant «Pony» auf der Insel Sylt ein paar Angehörige der Jeunesse dorée ausländerfeindliche Parolen grölten und den Hitlergruss zeigten: Das Blatt war danach tagelang voll von Artikeln aus der SZ.

Tages-Anzeiger verharmlost Solingen: Über die feinen Nuancen, was gesagt wird und was nicht gesagt wird

Wobei das diesmal vielleicht auch besser so ist. Denn empörte sich die SZ seinerzeit ohne Limit über ein paar Sekunden Parolenbrüllen, relativierte sie hier umgehend: «Die Bluttat von Solingen zeigt wieder einmal: Deutschland hat ein Gewaltproblem.»

Ähm, nein, der Fall Solingen ist definitiv kein «Gewaltproblem», sondern ein waschechtes Terrorismus-Problem.

Beim Tages-Anzeiger durfte dafür am Sonntag Deutschland-Korrespondent Dominique Eigenmann ran. Und setzte bereits im Titel die erwartete Duftmarke: «Wächst die Angst in Deutschland, wächst die AfD».

Man könnte das durchaus pietätlos nennen, wenn zwei Tage nach dem Anschlag als grösstes Problem nicht der Tod von drei Menschen, sondern das potenzielle Erstarken der AfD verhandelt wird.

Weiter im Lead: «Nach dem Attentat eines syrischen Flüchtlings nimmt die Sorge über die Migration weiter zu. Doch weder radikale Massnahmen noch Panik bringen mehr Sicherheit gegen Terrorgefahr.»

Ein alter Journalistentrick: Man mische eine unbewiesene Behauptung (radikale Massnahmen bringen nichts) mit einer grossen Dosis Trivialität (Panik bringt nichts), verkaufe das Gebräu als Selbstverständlichkeit und spare sich so die Beweisführung für die Behauptung.

Selbstverständlich verpackt als «Analyse», um so die Leserschaft schon einmal mit Ehrfurcht zu betäuben: In einem solchen Zustand sind Menschen bekanntlich besonders leicht zu führen.

«Mit drei Toten und mehreren Schwerverletzten» sei es der folgenschwerste islamistische Terroranschlag in Deutschland gewesen, «seit 2021 ein Somalier in Würzburg ebenfalls drei Menschen mit einem Messer tötete. Im Dezember 2016 brachte ein Tunesier mithilfe eines Lastwagens auf einem Berliner Weihnachtsmarkt gar ein Dutzend Menschen um».

Was auffällt: Die Zahl der Verletzten wird ganz einfach weggelassen. Zur Erinnerung: In Berlin 2016 waren es über fünfzig zum Teil schwer Verletzte, in Würzburg fünf Schwerverletzte.

In Solingen gab es «mehrere» Verletzte — klingt doch harmloser als acht Schwerverletzte. In Berlin starb ein «Dutzend» Menschen — auch das klingt harmloser als zwölf Tote. Ein Dutzend Eier, ein Dutzend-Foul, ach, wie harmlos.

Das Verbrechen war natürlich ein Hassverbrechen — was denn sonst? Doch das einzige Mal, wo im Text das Wort «Hass» auftaucht, dient es dazu, den Vorsitzenden des Vereins Bürgerbewegung Pax Europa, Michael Stürzenberger, Zielscheibe des islamistisch motivierten Angriffs von Mannheim am 31. Mai 2024, als «Islamhasser» zu bezeichnen.

Solche scheinbar zufälligen Verteilungen von Zuschreibungen sind in Wirklichkeit natürlich alles andere als zufällig — sondern haben System.

Und dann geht’s schnurstracks über in die soziologische Analyse: «Laut Umfragen stört die zunehmende Gewalt durch Migranten das Sicherheitsempfinden vieler Bürgerinnen und Bürger erheblich – und zwar unabhängig von der Tatsache, dass die allermeisten Einwanderer sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Handkehrum schürt diese Sorge Vorurteile gegen alle Einwanderinnen und Einwanderer, insbesondere gegen Musliminnen und Muslime.»

Ja, das «Empfinden» — ist halt doch nur «Empfinden». Doch ersetzen wir einmal «Gewalt durch Migranten» durch «Vergewaltigungen» und «Bürgerinnen und Bürger» durch «Frauen». Viele Frauen haben beispielsweise Angst, nachts auf unbeleuchteten Strassen Opfer sexueller Gewalt zu werden.

Wahrscheinlich würde sich kein Journalist getrauen, diese Angst als blosse «Störung des Sicherheitsempfindens» zu charakterisieren anstatt als reales Problem. Und auch wenn der allergrösste Teil der Männer natürlich keine Vergewaltiger sind, würde ein Journalist in diesem Zusammenhang nie, wirklich nie, explizit erwähnen, dass «die allermeisten Männer sich nie etwas zuschulden kommen lassen» und diese «Sorge» (das heisst die Angst vor Vergewaltigungen) «Vorurteile gegen Männer» schüren würde.

Vielleicht wird erwähnt, dass die meisten Vergewaltigungen nicht nachts auf unbeleuchteten Strassen, sondern im Familien- und Bekanntenkreis geschehen — doch das Ziel dieser scheinbaren Relativierung ist dabei ein völlig anderes: Damit soll ausgedrückt werden, dass Vergewaltiger keine kleine Minderheit sind, welche nachts ihr Unwesen treibt, sondern dass jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger sein könnte.

Im Falle von Muslimen wäre dies analog zur Aussage: «Islamisten sind wie du und ich. Auch dein Nachbar könnte ein Terrorist sein.» Eine Aussage, welche natürlich glatt für rassistisch erklärt würde.

Es sind diese feinen Nuancen, was gesagt wird und was nicht gesagt wird, was wem zugeschrieben wird und was jemand anders nicht zugeschrieben wird, welches Argument auf welche Personengruppe angewendet wird und auf welche Personengruppen ein typgleiches Argument nicht angewendet werden darf — die den gesellschaftlichen Diskurs strukturieren.

Der Artikel von Dominique Eigenmann vermittelt in diesem Zusammenhang:

1. Das Problem des islamistischen Terrors sind nicht die Toten, sondern die AfD;

2. Die Opfer islamistischen Terrors zählen individuell kaum: auf einen Toten oder Verletzten mehr kommt es nicht an;

3. Hass ist eine Domäne der Islamgegner, nicht der Islamisten.

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