Es sind schwere Vorwürfe, die in der letzten Juniwoche durch die internationalen Medien geisterten: Israelische Soldaten sollen in Gaza auf unbewaffnete Zivilisten geschossen haben – gezielt, absichtlich, wiederholt. «Tötungsfeld», «Todestaktik», «getarntes Massaker» – die Schlagzeilen sind drastisch. Doch wer genau hinschaut, sieht: Vieles an dieser Erzählung wankt. Und manches daran fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
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Die Vorwürfe fussen massgeblich auf einem Haaretz-Artikel in der englischen Onlineausgabe, der sich auf Aussagen anonymer Soldaten stützt. Von einem «Killing Field» ist dort die Rede – einem Areal, das angeblich täglich «ein bis fünf Tote» fordert.
Die internationale Reaktion folgte prompt: El País, der Guardian, AP, Reuters, die Süddeutsche – alle beriefen sich auf Haaretz, verstärkten die Botschaft, bauten ein moralisches Anklagekonstrukt. Besonders deutlich wurde dies im Guardian-Kommentar: Israel habe Hilfszentren in «Todesfallen» verwandelt.
Fakten? Fehlanzeige.
Es fehlen belastbare Bilder oder forensische Daten dieses Vorgangs. Es gibt weder Bilder noch überprüfbare Videos oder forensische Beweise. In einem Krieg, der sonst in Echtzeit auf Tiktok und Telegram übertragen wird, fehlen ausgerechnet von diesen angeblichen Massakern verlässliche Aufnahmen. Wie wahrscheinlich ist das?
Noch problematischer wird es, wenn man sich die Herkunft einiger Zahlen anschaut: Viele stammen von Mahmoud Basel, dem Chef des Zivilschutzes in Gaza – laut israelischen Angaben ein identifizierter Hamas-Aktivist. Wer hier wem Informationen zuspielt, ist Teil eines Informationskriegs. Dass westliche Medien diese Quellen ungeprüft übernehmen, ist journalistisches Versagen – oder politisches Kalkül.
Mehr noch: Die Redaktionen sind einem Übersetzungsfehler aufgesessen. In der englischsprachigen Haaretz-Version ist davon die Rede, israelische Soldaten hätten «at civilians» geschossen – eine Formulierung, die gezieltes Töten impliziert. Im hebräischen Original jedoch heisst es lediglich «toward» – also: in Richtung. Dieser Unterschied ist weit mehr als eine semantische Nuance. Er ist politisch aufgeladen. Er offenbart, wie durch schludrige Übersetzung ein ganzes Narrativ moralisch zugespitzt wird – aus einem Warnschuss wird ein mutmassliches Kriegsverbrechen.
Dies alles bedeutet nicht, dass die israelische Armee fehlerfrei oder ohne Schuld agiert. Doch die Kritik muss sich auf überprüfbare Tatsachen stützen.
Wer aus komplexer Realität ein moralisch eindeutiges Gut-und-Böse-Schema bastelt, betreibt keine Aufklärung – sondern Propaganda und Empörungsjournalismus. Und was Israel verdient, ist Kritik, wo sie angebracht ist – aber auch Verteidigung gegen Anklagen, die auf Sand gebaut sind.