Medien leben von Emotionalisierung. Und kaum etwas emotionalisiert so sehr wie moralische Entrüstung. Deshalb sind Massenmedien Empörungsmaschinen, die Banalitäten zu Skandalen hochjazzen. Auf dass sich der geneigte Leser oder Zuschauer so richtig echauffieren kann.
Das alles ist nicht neu und seit Jahrzehnten bekannt. Doch in den letzten Jahren scheint die Empörungsmaschinerie frei zu drehen. Kaum öffnet Donald Trump den Mund, kaum hebt Wladimir Putin eine Augenbraue – schon schiesst der Puls nach oben, die Timelines glühen, der moralische Zeigefinger steht stramm. Erst die Empörung, dann – vielleicht – der Gedanke. Meist bleibt es beim ersten Schritt.
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Dabei ist Empörung ein schlechter Ratgeber. Sie ist laut, schnell und selbstgerecht, aber selten klug. Sie simuliert Haltung und ersetzt die Analyse. Wer empört ist, fühlt sich im Recht und muss nicht mehr genau hinsehen. Das ist bequem – und gefährlich. Trump lässt Maduro entführen und will Grönland den USA einverleiben, Putin beansprucht den Donbass und droht mit dauerndem Krieg: Reflexartig heulen die Medien auf, statt den Sachverhalt zu klären.
Nicht weil die Kritik grundsätzlich falsch wäre. Trump ist womöglich ein Egomane, cholerisch und narzisstisch. Putin ist vermutlich ein Verbrecher, verantwortlich für Krieg, Tod und Zerstörung. Möglich. Doch bringt es uns keinen Millimeter weiter, wenn diese Feststellungen das Ende des Denkens markieren. Und sich immer wieder neu darüber aufzuregen, ist noch sinnloser. Es vernebelt das Gehirn.
Politik ist kein Moraltheater, in dem man die Rollen klar verteilt und sich dann auf der richtigen Seite wähnt. Sie ist ein Feld von Interessen, Machtverschiebungen, Zwängen und Kalkülen. Wer sie verstehen will, muss aushalten, dass auch unangenehme Akteure rational handeln können – und dass moralisch fragwürdige Entscheidungen manchmal aus einer nüchternen Logik heraus getroffen werden. Das zu erkennen, heisst nicht, sie gutzuheissen. Es heisst, sie ernst zu nehmen.
Die Dauerempörung macht blind für Abstufungen, für Alternativen. Und sie gibt Typen wie Trump und Putin einen Resonanzraum, den sie nicht verdienen. Empörung ist die Nahrung solcher Narzissten. Kühle Analyse ihr grösster Feind. Schon deshalb sollten wir hin und wieder etwas mehr Sachlichkeit walten lassen. Wer Politik nur noch emotional konsumiert, überlässt das Feld denen, die kalt kalkulieren.