Der Politikwissenschaftler Joachim Krause warnt im Gespräch mit der Welt eindringlich vor der wachsenden nuklearen Bedrohung durch Russland. Der Kreml habe seine Fähigkeiten massiv ausgebaut: «Russland richtet jeweils mehr als 1500 einzelne Atomwaffen auf Europa und die USA», so Krause. Damit verfüge Moskau über ein Arsenal, das gezielt zur Einschüchterung des Westens eingesetzt werde.
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Besonders hart geht Krause mit der deutschen Politik ins Gericht, die er für strategisch blind und technisch handlungsunfähig hält. Er konstatiert, dass Deutschland den Status einer «latenten Kernwaffenmacht», den es bis in die 1990er Jahre innehatte, vollständig verloren hat. Damals wäre das Land noch in der Lage gewesen, «binnen Monaten eine ansehnliche Zahl von Kernwaffen herzustellen». Doch diese Kapazitäten seien infolge politischer Entscheidungen im Umfeld des deutschen Atomausstiegs mutwillig zerstört worden: «Das letzte Element dieser Latenz – die Brennstofffabrik Alkem in Hanau – wurde damals durch den hessischen Umweltminister Joschka Fischer abgeschafft», so Krause.
Vor diesem Hintergrund kritisiert der Experte die heutige Forderung Fischers nach einer «europäischen Atombombe» als realitätsfern. Deutschland könne zu einem solchen Projekt technisch kaum noch etwas beisteuern. Durch den Ausstieg aus der Kernenergie fehle es an allem: «Wir haben nicht mehr die notwendige Expertise, wir haben keine Spaltstoffe und keine Einrichtungen, die Spaltmaterial für Kernwaffen in entsprechender Menge herstellen könnten.»
Laut Krause ist damit nicht nur die technische Basis, sondern auch das strategische Verständnis für nukleare Technologie erodiert. Er wirft Fischer vor, bereits als Aussenminister die strategische Planung im Auswärtigen Amt «quasi abgeschafft» zu haben. Infolgedessen sei der «nukleare IQ» des Landes drastisch gesunken. Die Ablehnung alles Atomaren habe sich derart in die «politische DNA der Deutschen eingebrannt», dass man heute gegenüber der russischen Aufrüstung weitgehend konzeptlos dastehe. Während die öffentliche Debatte oft von «Panik und Apokalyptik» geprägt werde, fehle es in Berlin an der Fähigkeit, auf die neue atomare Bedrohung mit realistischem Sachverstand zu reagieren.