Die Kapitalmärkte könnten schon bald durch zwei Ereignisse in Aufruhr geraten. Einerseits spitzt sich der Machtkampf um die Geldpolitik in den USA zu, denn Präsident Donald Trump erhöht den politischen Druck auf den Vorsitzenden der US-Notenbank (Fed), Jerome Powell.
Nachdem die bisherigen Versuche gescheitert sind, Powell zu überzeugen, den Leitzins kräftig zu senken oder vorzeitig zurückzutreten, versucht Präsident Trump den Druck auf Powell mit fadenscheinigen Klagedrohungen wegen unerwartet hoher Umbaukosten des US-Fed-Gebäudes in Washington zu erhöhen. Gleichzeitig soll die 2022 von Präsident Biden eingesetzte Fed-Gouverneurin Lisa Cook, deren Amtszeit noch bis 2038 läuft, ihres Amtes enthoben werden, weil sie in einem Gesuch für Hypotheken falsche Angaben gemacht habe, um günstigere Konditionen zu erheischen. Bislang wurde allerdings keine Anklage erhoben.
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Trump fordert raschestmöglich tiefere Zinsen, um die Zinskosten im Staatshaushalt zu senken und den Immobiliensektor anzukurbeln, wohl auch deshalb, weil er damit bei den Midterm-Wahlen vom 3. November 2026 auftrumpfen will. Selbst wenn Cook durch einen Trump-treuen Gouverneur ersetzt wird, bedeutet dies noch lange nicht, dass der Leitzins dann augenblicklich gesenkt wird.
Gesichert ist jedoch, dass die Unabhängigkeit des US Fed durch solche willkürlichen Personalentscheide in Frage gestellt wird. Diese Verunsicherung könnte sich ungünstig auf die Zinsen und den US-Dollar auswirken, sollte es deswegen zu einer Flucht aus Dollar-Anlagen kommen. Je nachdem, wer Cook im Falle eines Rauswurfs ersetzen wird, könnten die Trump-Anhänger mit Stephen Miran, der voraussichtlich den frei werdenden Sitz von Adriana Kugler einnehmen wird, Miki Bowman und Chris Waller die Mehrheit im siebenköpfigen Federal Reserve Board gewinnen. Aber dies reicht nicht aus, denn dazu kommen noch die Stimmen der zwölf regionalen Federal-Reserve-Präsidenten. Diese müssen zwar vom Fed Board für eine fünfjährige Amtszeit bestätigt werden, aber deren Amtszeit läuft im Februar 2026 gemeinsam aus.
Kurzfristig könnte eine Neubesetzung der Fed-Spitze zwar zu tieferen Zinsen führen, aber das Misstrauen auf längere Sicht wird zunehmen und die ultralangen Zinsen in die Höhe treiben, was in Ansätzen bereits erkennbar scheint. Die trügerische Ruhe am Treasury-Markt könnte deshalb schon bald der Vergangenheit angehören.
Auch in Frankreich drohen Turbulenzen: Für Mitte September hat der französischen Premier François Bayrou eine Misstrauens-Abstimmung mit Blick auf das Sparbudget 2026 angekündigt. Sollte auch dieser Anlauf scheitern, die desolaten Staatsfinanzen des grössten europäischen Staatsschuldners wieder unter Kontrolle zu bringen, könnte ein Zinsanstieg für französischen Staatsanleihen die Lage weiter verschärfen. Der Handlungsspielraum der EZB für Rettungsaktionen erscheint geringer als jener des US Fed für die USA. Im Extremfall müssten sämtliche EZB-Regeln gebrochen und allenfalls sogar noch der IWF zu Hilfe gerufen werden. Frankreich gehört zu jenen EU-Ländern, die als too big to be saved gelten. Auch die Renditen der übrigen EU-Länder könnten in Sippenhaftung geraten und ansteigen, der Euro gegenüber dem Franken auf ein neues Allzeittief absacken.