«Völkerrecht und Moralismus gehen Hand in Hand. Es sind Techniken der Realitätsverdrängung, ja regelrechten Realitätsverleugnung, Irrtümer, ein falscher, selbstgerechter, mitunter lebensgefährlicher Zugang zur Wirklichkeit.»
Wer solchen amoralischen Unsinn schwatzt, sollte sich selbst zur Richtschnur nehmen: «Dumm handelt, wer die Möglichkeiten seines Verstandes überschätzt.» Denn es ist so: Der mühsam erkämpfte minimale Konsens des einigermassen zivilisierten Zusammenlebens besteht darin, dass jeder Mensch unveräusserliche Rechte hat.
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Unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder Weltgegend. Das Recht auf Streben nach Glück gehört dazu, solange es den anderen nicht einschränkt. Nur das Recht schützt den Schwachen vor dem Starken. Eine Stimme ausgerechnet aus der schwachen Schweiz sollte das beherzigen und nicht als Moralismus denunzieren.
Dass Rechte gebrochen werden oder manchmal der ruchlosen Macht unterliegen, ist noch lange kein Grund, sie für obsolet zu erklären. Rückfälle sind kein Grund, auf die Forderung nach Fortschritt zu verzichten.
Im zivilisierten Zusammenleben sollte der Staat mit seinen Ordnungsorganen dafür sorgen, dass die Regeln für ein gedeihliches Zusammenleben eingehalten werden. Das nennt man Rechtsstaat. Supranational gibt es seit dem Briand-Kellogg-Pakt von 1928 den Versuch, auch unter Staaten gewisse Regeln bei Konflikten zu implantieren. Daraus entstand das Völkerrecht.
In den letzten knapp hundert Jahren wurden diese Regeln unzählige Male gebrochen, mit Füssen getreten, als lachhaft, moralinsauer, realitätsfern, als «Philosophengespinst» (Köppel) abgetan. Ihnen wurde unzählige Male «die harte Realität der Geopolitik» (auch Köppel), die brutale Macht des Stärkeren, dessen naturgegebene Dominanz des Schwächeren gegenübergestellt. Es wurde immer wieder behauptet, es gäbe keine universellen Verbindlichkeiten, das sei schon immer so gewesen.
Vor der Französischen Revolution, vor der Erklärung der Menschenrechte behaupteten Dummköpfe, dass der absolutistisch und von Gottes Gnaden herrschende König oder Kaiser ewiglich die einzig denkbare Ausübung der Macht verkörpere. Dass es ebenso faktische Realität sei, Menschen wie Vieh als Sklaven zu handeln, auch den eigenen Bürgern jede Mitbestimmung über ihr Schicksal abzusprechen. Wer das nicht anerkenne, sei ein Traumtänzer, huldige abstrakten Idealen, schön, aber unverwirklichbar.
Der Weg zu mehr Erkenntnis, zur Beförderung der Vernunft, zur Einsicht, dass nur regelbasiertes Zusammenleben Wohlstand und Streben nach Glück befördert, ist steinig. Immer wieder gibt es Apologeten wie Köppel, die mehr oder minder offen die Akzeptanz brutaler Machtausübung durch moralfreie Stärke fordern, nur das sei die Anerkennung der Realität, nur das sei «vernünftig».
Dass die Menschheit immer wieder in Barbarei zurückfällt, aus der sie sich immer wieder und mühsam herausarbeitet, ist tragisch genug. Dass es immer wieder verantwortungslose Schreiber gibt, die den Zustand der Barbarei als den einzig vernünftig denkbaren bezeichnen, ist beelendend.