Vor zwei Jahren forderte der damalige Papst Franziskus, die Ukraine solle den «Mut zur weissen Fahne haben und verhandeln». Das sei ehrenvoll, um Schlimmeres zu verhüten. Wie hat man ihn damals missverstanden, missverstehen wollen. Die Russen müssten sich nur aus der Ukraine zurückziehen, ihr völkerrechtswidriges Tun beenden und die Ukraine für die Kriegsschäden entschädigen. Dann wäre alles «wieder gut».
Ukrainian Presidential Press Office/AP/Keystone
So wird ignoriert, dass jedem Krieg Ursachen zugrunde liegen, dass es um widerstreitende Interessen geht, die über viele Jahre wuchsen und schliesslich in Gewalt umschlugen.
Regelrecht nach dem Lehrbuch können die Beobachter dieses furchtbaren Krieges verfolgen, dass ein Krieg, der nicht schnell ausgetreten wird, immer mehr menschliches Leid und Zerstörungen schafft, immer weiter eskaliert, immer unberechenbarer wird und eigene Realitäten schafft.
Kurz nach dem russischen Überfall gab es durch die Istanbul-Verhandlungen im März/April 2022 eine Chance auf einen schnellen Frieden. Russland und die Ukraine hatten die wesentlichen Eckpunkte ausgehandelt. Durch die Intervention des Westens wurde diese Chance zerstört.
Stattdessen zielte die westliche Strategie darauf, einen «Siegfrieden» über Russland in der Ukraine zu erreichen: durch die Kombination von Wirtschaftssanktionen, internationaler Isolierung und westlicher Militärhilfe für die Ukraine. Der Krieg findet auf ukrainischem Territorium statt, aber es geht nicht nur um die Ukraine. Es ist ein ausgewachsener Stellvertreterkrieg zwischen der US-geführten Nato auf der einen Seite und Russland auf der anderen.
Er wird mit fast allen Mitteln geführt, allerdings unterhalb einer direkten militärischen Konfrontation. Denn in einer direkten Konfrontation, und dessen sind sich sowohl die USA als auch Russland bewusst, reissen sie unvermeidlich nicht nur sich, sondern die ganze Welt in die zivilisatorische Tragödie.
Heute, nach vier Jahren, ist anscheinend der EU immer noch nicht klar, dass die Strategie «Siegfrieden» über Russland gescheitert ist. Wir sind längst am Scheideweg angekommen. Entweder gibt es Verhandlungen mit Russland auf Augenhöhe, die eine stabile Friedensordnung auf dem europäischen Kontinent zum Ziel haben, oder das russische Sicherheitsinteresse, dass die Ukraine niemals Nato-Aufmarschgebiet, kein feindlich gesinnter Nachbar sein darf, wird auf dem Schlachtfeld ausgefochten. Bis zum bitteren Ende, bei dem die Ukraine verblutet, womöglich kein überlebensfähiger Staat mehr ist. Das muss verhindert werden.
Inzwischen wird längst eine russische Aggression gegen die Nato in Europa an die Wand gemalt. Ohne Anhaltspunkt. Russische Dementis werden ignoriert, während Nato-Offiziere schon über die Einnahme Kaliningrads sinnieren.
Wir brauchen keine «Kriegstüchtigkeit». Wir brauchen Verteidigungs- und Friedensfähigkeit, Vernunft und Diplomatie. Abrüstung im Kopf und in der Wirklichkeit. Das ist schwer genug.
Jeder Krieg befeuert Feindbilder und Hass. Jeder Krieg macht unempfänglicher für Tod, Schmerz und vertane Zukunftschancen. Und doch sollte das der Ausgangspunkt sein, mit dem in ehrliche Verhandlungen um Frieden für uns alle gegangen wird. Dabei sollte Deutschland innerhalb der EU vorangehen, mit dem Mut zur weissen Fahne des Parlamentärs, um Ausgleich zu suchen, Frieden zu schaffen. Nicht gegen Russland, sondern mit Russland. Für alle europäischen Völker.
Petra Erler ist eine deutsche Politikberaterin und Sachbuchautorin. Zuletzt von ihr erschienen (gemeinsam mit Günter Verheugen): «Der lange Weg zum Krieg. Russland, die Ukraine und der Westen: Eskalation statt Entspannung». Heyne, 2024