Deutschland ist gerade im Modus «Nieselregen im Kopf». Wir schauen auf Wachstum wie auf einen verspäteten ICE: Es ist zum x-ten Mal angesagt, aber niemand traut sich, schon mal den Koffer anzuheben und an die Bahnsteigkante zu gehen. Und es stimmt ja auch: 2025 endet ohne Euphorie. Aber wer nur auf die Wolken starrt, die sich über dem Kopf auftürmen, übersieht den Wetterbericht.
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Der erste Lichtblick ist banal – und deshalb mächtig. Die Kaufkraft ist zurückgekommen: 2024 stiegen die Nominallöhne um 5,4 Prozent, die Verbraucherpreise nur um 2,2 Prozent. Ergebnis: Ein Plus von mehr als 3 Prozent bei den Reallöhnen – der stärkste Anstieg seit Beginn der Zeitreihe 2008. Wer diese Zahl aus 2024 unterschätzt, unterschätzt, wie Aufschwünge beginnen – leise, verzögert und ohne Schlagzeile. Wenn sich das jetzt im Alltag niederschlägt, passiert etwas sehr Deutsches: Die Menschen kaufen nicht «Luxus», sondern endlich wieder Normalität. Und Normalität ist in einer Konsumwirtschaft ein Megading.
Der zweite Lichtblick: Der Inflations- und Zinsdruck lässt nach. Die EU-Kommission erwartet für Deutschland eine weitere Annäherung Richtung Preisstabilität: 2,1 Prozent Inflation lautet die Prognose für die nächsten zwölf Monate, die damit genau im Zielkorridor liegt. Gleichzeitig hat die Europäische Zentralbank ihren Einlagensatz im Dezember 2025 bei 2 Prozent belassen – nach der grossen Hochzinsshow der Vorjahre wirkt das wie: «Der Feueralarm ist aus, jetzt können wir wieder arbeiten.» Niedrigere Finanzierungskosten sind keine Romantik, sondern Mathematik: Investitionen werden wieder rechenbar – gerade für den deutschen Mittelstand, der nicht in Hochglanzfolien lebt, sondern in Kreditlinien.
Dritter Lichtblick: Energie ist nicht mehr der Schrecken mit Nebenkosten. Bei den Erzeugerpreisen lagen die Energiepreise im August 2025 um 8,5 Prozent unter Vorjahr, Erdgas war sogar 11 Prozent billiger. Und auch beim Strom gab es Entspannung: Der durchschnittliche Day-ahead-Grosshandelspreis lag schon 2024 bei 78,51 Euro pro Megawattstunde, das waren 17,5 Prozent unter Vorjahr, und der Trend hielt 2025 an. Dazu kommt 2026 der politisch beschlossene niedrigere Industriestrompreis. Das alles macht Deutschland nicht über Nacht zum Billigstromland, aber es nimmt der Industrie den Würgegriff.
Vierter Lichtblick – und der ist politisch, nicht poetisch: 2026 kommt Rückenwind aus öffentlichen Ausgaben. Die Bundesbank erwartet, dass sich das Wachstum ab dem zweiten Quartal 2026 deswegen spürbar verstärkt – getragen von höheren Staatsausgaben und wieder anziehenden Exporten. Und selbst die vorsichtigere Zahl ist eine Zahl mit Richtung: Die Bundesbank sieht 0,6 Prozent Wachstum für 2026. Die OECD ist optimistischer und prognostiziert 1 Prozent für 2026. Die Wahrheit liegt am Ende nicht in der Dezimalstelle, sondern in der Mechanik: Konsum stabilisiert, Zinsen sinken, Energie drückt weniger, der Staat investiert – das ist ein klassischer Aufschwung-Baukasten.
Natürlich bleiben: Bürokratie, Abgaben und Demografie. Dieses grausame Trio ist der Endgegner. Aber den Lichtblick kann das nicht trüben, denn 2026 muss kein Boom werden, um spürbar besser zu sein. Deutschland hat sich an die Null gewöhnt – deshalb fühlt sich schon 1 Prozent an wie Frühling. Und vielleicht ist das die deutsche Superkraft: Wir feiern nicht zu früh. Aber wenn es dreht, dann gründlich.