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Von der Süddeutschen Zeitung zum Sprecher der Bundesregierung: Der Aufstieg von SZ-Journalist Stefan Kornelius zeigt, dass zwischen Medien und Politik kein Blatt mehr passt

«Dieser Mann ist ein Gefährder» – unter dieser Überschrift veröffentlichte der zukünftige Sprecher der Bundesregierung einen Artikel über Julian Assange. Stefan Kornelius, langjähriger verantwortlicher Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, wechselt nun das Lager: vom Journalismus zur Politik.

Wobei sich der Wechsel als eher formeller denn inhaltlicher Natur betrachten lässt.

Als sich die Corona-Krise weiter zuspitzte, äusserte sich Kornelius mit den Worten: «Es ist völlig klar, dass die Impfpflicht uns aus dieser Pandemie befreien wird.» Die Aussage korrespondierte harmonisch mit weiten Teilen der vorherrschenden Politik.

CHRISTOPHE GATEAU / KEYSTONE
ARCHIV - 11
CHRISTOPHE GATEAU / KEYSTONE

Kornelius’ Positionierung zur Impfpflicht und zu Assange sind nur zwei Beispiele, die etwas sehr Grundlegendes verdeutlichen: Die politisch «rechte» Sicht ist dem neuen Regierungssprecher nicht unbekannt. Kritiker jenes Blattes, für das Kornelius über viele Jahre auch in verantwortlicher Position gearbeitet hat, bezeichnen die Süddeutsche Zeitung immer mal wieder verächtlich als «Alpen-Prawda». Die Prawda, wie wir wissen, ist eine russische Zeitung.

So eng wie das russische Blatt mit der Kommunistischen Partei Russlands verbunden ist, sehen Kritiker die Süddeutsche Zeitung mit der deutschen Politik verbunden. Das mag Polemik sein. Kornelius selbst ist auf jeden Fall auch «verbunden». Oder um zu präzisieren: Er ist gut vernetzt. Um nicht zu sagen: ausgezeichnet vernetzt.

Ob Atlantik-Brücke, Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik oder etwa Jurymitglied beim Arthur-F.-Burns-Preis: An Schnittstellen zur Sicherheits- und zur transatlantischen Politik finden sich Kornelius’ Fussabdrücke.

Im September 2021 moderierte der SZ-Mann etwa eine Veranstaltung der Atlantik-Brücke unter dem Titel «Der Westen und die Zukunft der Nato», bei dem unter anderem General Tod D. Wolters (Supreme Allied Commander Europe) und Bundeswehr-General Eberhard Zorn zugegen waren. Dass sich die beiden hochrangigen Militärs zur «starken militärischen und sicherheitspolitischen Zusammenarbeit der USA und Deutschlands in der Nato bekannt» haben, wie es auf der Website der Atlantik-Brücke heisst, versteht sich von selbst.

Als der Journalismusforscher Uwe Krüger 2013 eine kritische Netzwerkanalyse deutscher Journalisten in Buchform unter dem Titel «Meinungsmacht» veröffentlichte, rückte nach und nach das Agieren von Spitzenjournalisten innerhalb elitärer Geflechte in einer breiteren Medienöffentlichkeit in den Vordergrund. Krüger hatte sich in seiner Doktorarbeit intensiv mit Kornelius auseinandergesetzt und schreibt nüchtern: «Auch das Netzwerk von Kornelius war teilweise hoch redundant. Die personellen Schnittmengen deuten auf ein transatlantisch orientiertes Milieu von Politik- und Wirtschaftseliten aus Deutschland und den USA hin.»

In einem Interview merkte Krüger zu Kornelius an: «In meinem Untersuchungszeitraum von 2002 bis 2009 nahm er [Kornelius] jedes Jahr an der Münchner Sicherheitskonferenz teil, war Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und Beirat von deren Zeitschrift Internationale Politik, sass im Präsidium der Deutschen Atlantischen Gesellschaft, die Lobbyarbeit für die Nato betreibt, nahm an vielen Veranstaltungen des American Institute for Contemporary German Studies teil und sass ausserdem im Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, einem Think-Tank des Verteidigungsministeriums.» Dann führt Krüger weiter aus: «Laut deren Satzung sind die Beiräte dafür da, die Bundesregierung in aussen- und sicherheitspolitischen Fragen zu beraten. Eine Beratertätigkeit aber beisst sich mit der journalistischen Aufgabe, gegenüber der Bundesregierung eine Kontrollfunktion auszuüben. Und seine Berichterstattung über die Münchner Sicherheitskonferenz hatte mit analytischer Distanz zur Veranstaltung selbst, die ja durchaus umstritten ist, nichts zu tun.»

Die bekannte Satire-Sendung «Die Anstalt» präsentierte das Thema einem Millionenpublikum am Abend im ZDF. Auf einer Schautafel zeigten die Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner Organisationen wie etwa die Münchner Sicherheitskonferenz und Bilder von Journalisten. Die Gruppierungen haben, wie von Wagner zugespitzt sagt, «auf sicherheitspolitische Fragen immer die gleichen Antworten», nämlich: «mehr Rüstung!». Der Kabarettist merkte an: «Das sind sozusagen Nato-Versteher!» Und erklärt, dass in diesen Organisationen etwa «Militärs, Wirtschaftsbosse und Politiker» zusammenkommen. Uthoff sagte süffisant: «Transatlantische Swingerclubs!»

Auf der Schautafel befinden sich Bilder von insgesamt fünf deutschen Journalisten. Die Kabarettisten zeigen Verbindungen zu den angeführten Organisationen. Kornelius gehört auch dazu.

Kornelius reagierte auf die Kritik an der ihm vorgeworfenen Nähe zu den Mächtigen in einem Interview: «Ich lasse mich nicht für Parteiveranstaltungen einbinden (…)» – um auszuführen: «Jeder politische Journalist sollte so nahe wie möglich am Gegenstand seiner Berichterstattung sein, ohne seine Unabhängigkeit zu riskieren. […] Das ist pure journalistische Neugier. Aber Nähe bedeutet doch nicht Verbrüderung.»

All das ist viele Jahre her. Doch das grundlegende Problem der schwindelerregenden Nähe von Politik und Journalismus, zwischen die mittlerweile kein Blatt mehr passt, wird heute vielleicht noch schärfer denn je diskutiert. Der Verdacht, dass weltanschaulich eng mit den Herrschenden verbundene Journalisten einen Schutzmantel um Politiker legen, ist breit in der Gesellschaft verankert.

Kornelius war Jahrzehnte Leiter des SZ-Aussenpolitikressorts. Eine Berichterstattung zu den semi-geheimen Bilderberg-Treffen, wo Eliten aus zentralen gesellschaftlichen Teilbereichen hinter verschlossenen Türen mit Journalisten konferieren, hat in der Süddeutschen Zeitung übrigens nicht stattgefunden.

Kornelius sagte, dass Nähe zur Politik doch keine Verbrüderung bedeute. Nun, wenn hier Nähe keine Verbrüderung bedeutet: Wie ist dann der Wechsel eines Journalisten in die Position des Sprechers der Bundesregierung zu verstehen?

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