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Wahre Schüttelwettkämpfe

Bücher der Woche

Wahre Schüttelwettkämpfe

Ella Al-Shamahi: Der Handschlag.
Die neue Geschichte einer grossen Geste.
Harper Collins. 208 S., Fr. 29.90

 

Der Handschlag hat eine schwierige Zeit hinter sich. Während der Pandemie schien es undenkbar, jemandem jemals wieder die Hand zu schütteln. «Stirbt er aus?», fragten sich manche. Die britische Paläoanthropologin und Komikerin Ella Al-Shamahi weigerte sich, in seinen Abgesang einzustimmen, und schrieb eine Geschichte des Handschlags. Sie selbst hat 26 Jahre lang als Muslimin ohne ihn gelebt und kannte unzählige Taktiken – «von genial bis absolut lächerlich» –, um ihn zu vermeiden. Als sie sich vom Scharia-Recht löste und begann, säkular zu leben, musste sie ihn sich mühsam aneignen.

Credit: Jeff Gilbert / Alamy Stock Photo
26 Jahre ohne Handschlag: Autorin Al-Shamahi.
Credit: Jeff Gilbert / Alamy Stock Photo

Es heisst ja gern, der Handschlag komme aus dem Mittelalter und man zeige damit, dass man keine Waffen trage. Andere meinen, die Missionare hätten die Geste in die Welt hinausgetragen. Das ist «meiner Meinung nach in etwa so, wie eine Geschichte der Popmusik mit den Sugarbabes zu beginnen: Man hat ein bisschen was ausgelassen», schreibt Al-Shamahi.

Auch isolierte Völker scheinen intuitiv zu wissen, was der Handschlag ist, wie etwa David Attenborough erzählte, der in den fünfziger Jahren auf Papua Neuguinea den mit Speeren dastehenden Inselbewohnern mit ausgestreckter Hand einen schönen, guten Tag wünschte. Sie packten seine Hand und schüttelten sie energisch.

 

Biologische Hintergründe

«Meiner Ansicht nach ist der Handschlag mindestens sieben Millionen Jahre alt», schreibt die Autorin. Wieso? Weil eine verwandte Spezies, nämlich die Menschenaffen, ihn auch kennen. Schimpansen und Bonobos geben sich die Hand zur Begrüssung, bevor sie sich umarmen. Der letzte gemeinsame Vorfahre von Schimpanse und Homo sapiens lebte eben vor rund sieben Millionen Jahren. In Al-Shamahis handlichem kleinen Buch findet man viel Interessantes über die so alltägliche Geste – etwa, dass sie mit Geruch zu tun hat. Hunde beschnüffeln sich gegenseitig den Hintern, Pferde falten die Oberlippe zurück, um Düfte und Pheromone einzufangen, die Wichtiges über das Gegenüber sagen. Ist es krank, hat es Angst, wäre es sexuell interessant? All dies ist aus Pheromonen herauszulesen, und auch wir Menschen können das offenbar. Studien zeigten, dass sich die Leute nach einem Handschlag oft an die Nase fassen, unbewusst. So könnte die Berührung der Hände einen praktischen biologischen Hintergrund haben.

Zudem verlangsamen Körperberührungen (zu denen der Handschlag ja zählt) den Herzschlag, und sie erhöhen den Serotoninspiegel. Psychologen fanden zudem heraus, dass nach einem Handschlag soziale Interaktionen mit grösserer Wahrscheinlichkeit positiv verlaufen. Der Handschlag baut Vertrauen auf, er schafft Wohlwollen und ist ein dealmaker in der Wirtschaft.

2010 beauftragte der Autohersteller Chevrolet einen Psychologieprofessor der Universität Manchester damit, den perfekten Handschlag zu identifizieren. Es resultierte eine komplizierte mathematische Formel mit zwölf Variablen. Etwa: Augenkontakt, Trockenheit der Haut, Druckenergie und Dauer. Die Yale-Universität unterrichtet ihre Doktoranden in der «richtigen Handschlagtechnik».

Ein gänzlich eigenes Genre ist, so die Autorin, der Politikerhandschlag. Hier wird er zu einem Instrument, nämlich Volksnähe zu demonstrieren. Der ehemalige US-Präsident Teddy Roosevelt hält den Guinness-Weltrekord für die meisten Handschläge eines Staatsoberhauptes an einem Tag: Am Neujahrstag 1907 schüttelte er 8513 Hände.

Al-Shamahi zeigt, was der Aufstieg der Demokratie mit dem Handschlag zu tun hat und warum andere Begrüssungsformen wie der Kniefall, der Knicks und der Handkuss verschwanden. Auch sonst gingen Grussrituale vergessen, meist, weil sie mühsam und aufwendig waren. Etwa eines aus Namibia, das eine wahre Choreografie mit In-die-Hocke--Gehen, Applaus und anschliessendem Händeschütteln umfasste.

Das Buch ist witzig und unterhaltsam geschrieben. Besonders die Kapitel «Die besten Handschläge der Geschichte» und «Die schlechtesten Handschläge der Geschichte» liest man gerne. Nur so viel: Bei den schlechtesten kommt Donald Trump mit seinen wahren Händeschüttelwettkämpfen vor. Dafür ist das Buch von Al-Shamahi nicht länger als nötig.

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