Dieser Text erschien am 27. August 2025 als Leserbrief in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – zum Leitartikel «Der Dorn im Auge des Diktators» von Berthold Kohler vom 20. August 2025 in der FAZ. Wir dokumentieren die Zuschrift von Herrn Simon Kirschner aus Gaimersheim im Wortlaut.
JENS BÜTTNER / KEYSTONE
Wir kommen einem Friedensprozess zwischen Russland und der Ukraine nicht näher, wenn Kommentatoren und tonangebende Politiker der EU mit Vorurteilen an den grossen gemeinsamen Feind Putin herangehen, ohne mit ihm persönlich in Kontakt getreten zu sein. Wie soll da ein tragfähiger Frieden mit der Ukraine und den europäischen Ländern entstehen können, wenn keiner der europäischen Staats- und Regierungschefs selbst mit Putin einen persönlichen Kontakt aufnimmt, um ihn wenigstens in seinem Denken und Handeln in Ansätzen verstehen zu können? Ist man da selbst friedensliebend, wenn seit Kriegsbeginn nur der ungarische Präsident den Weg auch nach Moskau wagte und dafür auch noch als Putin-Versteher missachtet wurde? Wer nur bis Kiew kommt und mit Selenskyj die ukrainische Seite sehen und unterstützen will, vermeidet damit auch ein eigenständiges Nachdenken über die tieferen Ursachen des Krieges.
Anders als Herr Kohler in seinem Kommentar glaube ich nicht, dass Putin weniger die Panzer der Nato als «das Vorrücken der Volkssouveränität und der Menschenrechte an die Grenzen seiner Despotie» fürchtet. Sind es nicht gerade auch die Defizite wie Korruption und westliche Dekadenzerscheinungen in seinem Bruderland, die Putins Handeln angetrieben haben? Schwer vorstellbar, dass Volkssouveränität und Demokratie in der Ukraine gut entwickelt sind, wenn regierungswidrige Presseorgane unterdrückt werden und man kaum kritische Stimmen von oppositionellen Parteien zu sehen und zu hören bekommt. Werden darüber hinaus Menschenrechte beachtet, wenn die nicht wenigen russischen Staatsbürger in der Ostukraine in ihrer Sprache und Kultur massiv behindert werden?
Ist das nicht unverantwortlich, wenn man unter diesen Voraussetzungen mit überzogenen Solidaritätsbekundungen die Ukraine mit Waffenlieferungen grosszügig unterstützt und Feindschaften noch verhärtet? Noch handelt unser Kanzler mehr als Kriegskanzler für die Ukraine als ein Friedensaktivist, der es noch immer meidet, mit Putin selbst in Kontakt zu treten, obwohl dieser erst im Juni auf dem Petersburger Wirtschaftsforum öffentlich seine Gesprächsbereitschaft erklärte. Stattdessen hat Kanzler Merz lieber mit dem Kreis der Willigen einen aufwendigen medienwirksamen Umweg über die amerikanische Regierung mit einem unzuverlässigen Präsidenten Trump initiiert. Macht man sich so nicht selbst klein und unterwürfig, was sich auch aus selbstgebauten Brandmauern ergeben hat?
Warum nicht selbst mit allen Mitteln Russland wieder als Partnerland gewinnen, statt mit Sanktionen Feindschaften auszubauen? Offensichtlich darf Russland kein Partnerland mehr werden, weil bei einem möglichen Friedensabkommen die immensen militärischen Fehlinvestitionen offenkundig werden könnten, die tausendmal mehr den Steuerzahler kosten dürften als die vorschnelle Unterschrift für die PKW-Maut.