Die von der US-Regierung eingeführten Zölle für die Schweiz führen zu starken Reaktionen und grossen Befürchtungen. In der erhitzten Diskussion findet man allerdings wenig zu konkreten Preis- und Gewinnkonsequenzen des Zollsatzes von 39 Prozent. Im Gegensatz zu den politisch-generellen Erwägungen wenden wir uns in diesem Beitrag den rein betriebswirtschaftlichen Implikationen zu und zeigen, wie sich dieser hohe Zoll auf die optimalen Preise eines Unternehmens, das aus der Schweiz in die USA exportiert, auswirkt. Auch die Wirkungen auf Absatzmenge und Gewinn werden so transparent. Entscheidend – und das tritt in der vorherrschenden Diskussion kaum auf – ist die Reaktion der amerikanischen Kunden auf unvermeidbare Preiserhöhungen. Nur wenn diese Reaktionen quantitativ bekannt sind, lassen sich Umsatz- und Gewinnwirkungen antizipieren und damit optimale Preise setzen. Um die Auswirkung von Zöllen zu berechnen, muss man also die Preiselastizität beziehungsweise die Preisabsatzfunktion in den USA kennen. Ohne diese Information stochert man im Nebel herum.
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Importzölle können als Stück- oder als Wertzoll angelegt sein. Ein Stückzoll ist äquivalent einer Stückkostenerhöhung. Bei den aktuellen Zöllen handelt es sich um Wertzölle, die als Prozentsatz des Importwertes oder mit anderen Worten des Herstellerabgabepreises erhoben werden.
Um den Effekt eines Wertzolls zu illustrieren, muss man auf konkrete Zahlen zurückgreifen. Denn nur so werden die quantitativen Auswirkungen transparent und verständlich. Und diese fallen völlig anders aus als in der häufig zu lesenden Aussage, dass ein Zoll von 39 Prozent zu einer Preiserhöhung von 39 Prozent führe. Wir nehmen an, dass der schweizerische Exporteur direkt an amerikanische Kunden verkauft, also ohne Zwischenhändler operiert. Wir betrachten zunächst auch keine Konkurrenz und gehen von einem gegebenen Franken/Dollar-Wechselkurs aus, so dass es egal ist, ob man in Dollar oder in Franken rechnet.
In Abhängigkeit vom Preis sei die monatliche Absatzmenge in 1000 Stück definiert als 100 – 7,5 × Preis in Dollar. Das ist eine typische Nachfragekurve, der sich ein Unternehmen gegenübersieht: Mit fallendem Preis wächst die mögliche Verkaufsmenge, beim Preis null wären 100.000 Stück absetzbar.
Die Grenzkosten des Produktes betragen 5 Dollar, jede Produktionssteigerung um 1 Stück kostet zusätzliche 5 Dollar. Wir betrachten nun einen Wertzoll mit Zollsätzen von 0 Prozent und 39 Prozent. Die folgende Tabelle zeigt für Zollsätze von o und von 39 Prozent Zollsatz die gewinnmaximalen Preise und weitere betriebswirtschaftlich relevante Kennzahlen: Diese Zahlen sind das Resultat einer Optimierungsrechnung, die hier nicht vorgeführt wird. In dieser Rechnung werden für Herstellerabgabepreis und Stückzahl jene Werte ermittelt, die den maximalen Gewinn ergeben – einmal mit 39 Prozent Zoll, einmal ohne.
| Zollsatz | Herstellerabgabepreis (USD) | Zoll (USD) | Preis für amerikanische Kunden (USD) | Absatz (1000 Stück) | Gewinn (1000 USD) | Zolleinnahmen (1000 USD) |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 0 % | 9,17 | 0,00 | 9,17 | 31,2 | 130,00 | 0,00 |
| 39 % | 7,29 | 2,84 | 10,13 | 24,0 | 54,96 | 68,16 |
Das Ergebnis ist keineswegs, dass nur der Preis für den amerikanischen Kunden von 9,17 auf 10,13 Dollar, also um 10,6 Prozent, steigt. Vielmehr sinkt der gewinnmaximale Herstellerabgabepreis mit dem höheren Zollsatz um 20,5 Prozent von 9,17 auf 7,29 Dollar. Der Deckungsbeitrag (Herstellerabgabepreis minus 5 Dollar Produktionsgrenzkosten) halbiert sich damit nahezu von 4,17 auf 2,29 Dollar. Die Absatzmenge sinkt wegen des höheren Endpreises von 31.200 auf 24.000 Stück, also um 23,1 Prozent, dieser Rückgang ergibt sich aus der Nachfragekurve. Die kombinierte Wirkung von niedrigerem Herstellerabgabepreis – damit niedrigerem Stückdeckungsbeitrag – und geringerer Absatzmenge führt zu einer gravierenden Gewinneinbusse für den schweizerischen Exporteur, es ist eine Art Doppelschlag. Der monatliche Gewinn sinkt von 130.000 auf 54.960 Dollar, was einem Gewinnrückgang von 57,7 Prozent entspricht. Dem stehen amerikanische Zolleinnahmen von 68.160 Dollar gegenüber. Die Zeche teilen sich die amerikanischen Kunden, die mehr bezahlen müssen und weniger Ware erhalten, und der schweizerische Exporteur. Der Zoll wirkt zudem durch den höheren Endpreis in den USA inflationstreibend.
Die Realität ist natürlich komplexer als in diesem Beispiel dargestellt. Die Preiselastizität im numerischen Beispiel liegt bei −2,17, das heisst der Absatz geht um 2,17 Prozent zurück, wenn der Preis um 1 Prozent steigt – was im Durchschnitt ein realistischer Wert ist. Viele schweizerische Güter, die in die USA exportiert werden, haben jedoch niedrigere Preiselastizitäten, die Nachfrager bleiben bei Preissteigerungen etwas treuer. Das grösste Exportgut sind beispielsweise Pharmazeutika; sie machen fast die Hälfte der Exporte aus. Es folgen Edelmetalle, Luxusgüter, Chemikalien und Maschinen. Nimmt man geringere Werte für die Preiselastizität an, etwa −1,5, so fallen die negativen Wirkungen auf Preise und Absatzmengen schwächer aus. Aber, und das ist die unangenehme Überraschung, die Gewinne der schweizerischen Exporteure sinken trotzdem sehr stark. Die Ursache liegt in dem doppelt negativen Effekt bei Stückdeckungsbeitrag und Absatzmenge.
Natürlich hängt die Stärke der Effekte auch vom Verhalten der Konkurrenz ab. Wenn alle Importeure ihre Preise entsprechend erhöhen – etwa, weil auch andere Länder wie Kanada oder Südkorea von hohen Zöllen betroffen sind –, fallen die Absatz- und damit Gewinneinbussen zwar geringer aus, bleiben aber dennoch stark. Wichtig ist zudem, wie die inländische amerikanische Konkurrenz reagiert. Einerseits ist sie nicht von den Zöllen betroffen und könnte die Preise zur Gewinnung von Marktanteilen stabil halten. Andererseits eröffnen die unvermeidbaren Preiserhöhungen der Importeure die Chance, die eigenen Preise nach oben anzupassen. Dabei besteht zwischen Zoll und Steuer ein wichtiger Unterschied wettbewerblicher Art: Während eine Steuer alle konkurrierenden Produkte in einem Land gleich behandelt, trifft der Zoll nur die importierten Produkte und verschlechtert somit deren Wettbewerbsposition im Vergleich zu einheimischen Erzeugnissen.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Auswirkungen eines 39-Prozent-Zolls auf die optimalen Preise komplexer sind als in vorherrschenden Debatten angenommen. Der Zoll wird die Gewinne der Schweizer Exporteure in die USA massiv beeinträchtigen, das gilt selbst bei relativ preisunelastischer Nachfrage.
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Hermann Simon ist Gründer und Ehrenvorsitzender der weltweit operierenden Beratung Simon-Kucher. Sein neuestes Buch ist «Simon sagt! Was im Management wirklich zählt», Murmann-Verlag, Hamburg.