Matthias Schulz, neuer Intendant des Opernhauses Zürich, ist ein Coup gelungen. Der deutsche Pianist und frühere Konzertchef der Salzburger Festspiele hat Anna Netrebko in die Schweiz geholt.
In der Limmatstadt, wo Netrebko im November auftreten wird, spielt die russische Starsopranistin die Leonora in Verdis Oper «La forza del destino». In dieser Rolle sei sie schlicht «eine der Besten der Welt», sagt Schulz.
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Kein Musikgehör dafür hat Iryna Wenediktowa, ukrainische Botschafterin in Bern. Sie will den Auftritt Netrebkos verhindern und hat dazu gleich direkt beim Opernhaus interveniert. «Die ukrainische Botschafterin hat sich in einem Schreiben an das Opernhaus Zürich gewandt», erklärt die Kulturinstitution gegenüber der Weltwoche.
Zwischen der Botschafterin, dem Intendanten Matthias Schulz und dem Opernhaus-Verwaltungsrats-Präsidenten und Ex-Zürcher Regierungsrat Markus Notter habe ein «persönlicher Austausch» stattgefunden.
Erfolg hatte Wenediktowa mit ihrer Cancel-Intervention jedoch keinen. In Zürich hält man am Programm fest. Der geplante Auftritt mit Netrebko soll stattfinden, bestätigt das Opernhaus.
Deshalb versucht die Botschafterin nun den Druck zu erhöhen. Involviert hat sie auch die Mitglieder des Zürcher Gemeinderats. In einem Schreiben vom 2. Oktober an alle Parlamentarier der Limmatstadt fordert Wenediktowa die Lokalpolitiker auf, «ihre Stimme zu erheben».
«Als Vertreter der starken Demokratie in Zürich bitte ich Sie, Ihren Einfluss geltend zu machen, um die geplanten Auftritte von Netrebko abzusagen.» Durch den Auftritt Netrebkos stehe «nicht nur das Ansehen» des Opernhauses auf dem Spiel, sondern «die Reputation der Stadt Zürich selbst», heisst es im Schreiben, das der Weltwoche vorliegt.
Wenediktowa spricht von «einem internationalen Skandal», da Netrebko ein «Markenzeichen des Putin-Regimes» geworden sei und als «Vertrauensperson» des russischen Präsidenten gelte.
Die ukrainische Botschafterin bezichtigt die Sopranistin, sich nicht von Putin distanziert zu haben. «Bis heute hat sie es vermieden, Putin klar als Aggressor zu benennen.»
Auch wirft sie der russischen Künstlerin unter anderem vor, bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 die olympische Hymne gesunden zu haben. Deshalb sei es das einzig Richtige, Netrebko wieder auszuladen. «Ein klares Zeichen der europäischen Einheit.»
Die Weltwoche hat mit Gemeinderäten gesprochen. Über das Vorgehen der ukrainischen Botschafterin zeigen Einzelne ihr Unverständnis. Namentlich genannt werden möchten sie aber nicht. Was Wenediktowa mache, sei «billig», ist zu hören. «Zu denken, man unterstütze den Krieg in der Ukraine, wenn die Sopranistin in Zürich singt, ist doch an den Haaren herbeigezogen.»
Wenediktowa verlangt zudem, dass auch die russischen Künstler Stanislav Vorobyov und Elena Guseva wieder ausgeladen werden. Auch sie sollen demnächst im Opernhaus auftreten.
Es ist nicht das erste Mal, dass die ukrainische Botschafterin ihren Einfluss geltend macht. Im Herbst 2024 intervenierte Wenediktowa bei Verantwortlichen des Zürcher Filmfestivals ZFF gegen den Film «Russians at War» der Regisseurin Anastasia Trofimova. Der Film, der laut der Botschafterin russische Propaganda verbreitet haben soll, wurde in der Folge nicht ausgestrahlt.
Beim Opernhaus beisst die ukrainische Botschafterin, die sich aufführt wie eine Art Kulturministerin der Schweiz, nun auf Granit.