Weidel, Höcke, der deutsche Nationalismus und das Unbehagen an der AfD: Eine Reise aus dem Giftschrank in die Seele der Bundesrepublik
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Weidel, Höcke, der deutsche Nationalismus und das Unbehagen an der AfD: Eine Reise aus dem Giftschrank in die Seele der Bundesrepublik

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Man muss die Deutschen eigentlich mögen, auch wenn sie einem das Mögen derzeit nicht gerade leicht machen. Sie sind ein Volk der Extreme, der Grübelei, der moralischen Hochspannung. Wenn der Deutsche politisch wird, dann selten mit der gemütlichen Wurstigkeit eines Schweizers oder dem charmanten Zynismus eines Franzosen. Nein, beim Deutschen geht es immer gleich ums Ganze, um Weltanschauung, um das Jüngste Gericht – oder zumindest um die Rettung des Weltklimas am deutschen Wesen.

Weidel, Höcke, der deutsche Nationalismus und das Unbehagen an der AfD: Eine Reise aus dem Giftschrank in die Seele der Bundesrepublik

Derzeit herrscht in der Bundesrepublik wieder einmal Hochkonjunktur beim kollektiven Psychostress. Das Reizwort heisst AfD. Schaut man sich die Talkshows und Leitartikel an, könnte man meinen, die Barbaren stünden nicht nur vor den Toren, sondern bereits im Vorzimmer von Schloss Bellevue, um die Demokratie eigenhändig zu erwürgen. Doch wer die aktuelle Aufregung verstehen will, darf nicht nur auf die Umfragewerte schielen. Man muss tiefer graben, in die Sedimentschichten der deutschen Seele, dorthin, wo die Geschichte nicht nur Vergangenheit ist, sondern dröhnendes Trauma.

Das künstliche Korsett der Nation

Eigentlich, und das ist die erste Pointe, ist Deutschland im Kern gar kein nationalistisches Land. Über Jahrhunderte war dieses Gebilde ein herrlich verstrubbeltes Sammelsurium von Fürstentümern, Abteien und freien Städten. Man war Bayer, Sachse oder Preusse, aber sicher nicht «Deutscher» im Sinne einer ideologischen Schlagfaust. Den Nationalstaat haben sich die Deutschen erst spät und beinahe gegen ihre eigenen Instinkte zugelegt. Warum? Weil sie es leid waren, der europäische Fussabtreter zu sein. Nach dem Grauen des Dreissigjährigen Krieges und den napoleonischen Flurschäden brauchte man eine Festung. 1871 zimmerten sie sich ihre Burg, unter Preussens Pickelhaube.

Das Problem: Diese neue Festung war so wirtschaftlich potent und wissenschaftlich brillant, dass sie sowohl die Deutschen wie auch ihre Nachbarn überforderte, keiner wusste, wohin mit dieser neuen Kraft. Aus dem berechtigten Sicherheitsbedürfnis wurde Grössenwahn, aus der Einhegung durch die Nachbarn wurde Paranoia. Der Rest ist die Tragödie des 20. Jahrhunderts.

Der Nationalismus als Hollywood-Spektakel

Nach 1945 folgte die totale Amputation des Nationalen. Man hatte sich am eigenen Gift beinahe zu Tode gesoffen. Das «Nationale» landete im Sondermülldepot, doppelt verriegelt. Die Westdeutschen erfanden sich neu als «Europäer» – die EU wurde zum Ersatzvaterland, eine Art politisches Sanatorium, in dem man sich von der eigenen Identität erholen konnte.
Hier liegt das grosse Missverständnis der heutigen AfD-Kritiker: Sie halten das NS-Regime für den Gipfel des deutschen Nationalismus. In Wahrheit war die ganze braune Operette – die Fackelmärsche, der Lichtdom, das Germanen-Geraune – eine gigantische Überinszenierung. Hitler musste diesen Nationalismus mit medialem Hochdruck herbeipeitschen, gerade weil er im deutschen «Kantönligeist» eben nicht tief verwurzelt war. Es war ein Hollywood-Spektakel des Grauens, um eine künstliche Einheit, die Groteske «einer homogenen Volksgemeinschaft», dieses Frankensteinmonster unter den Staaten zu erzwingen.

Das Tauwetter im Osten

Und heute? Durch die Wiedervereinigung ist die «nationale Frage» zurückgekehrt, wie ein Bumerang, den man im Wald vergessen wollte. Während die Westdeutschen ihr Glück in der postnationalen Brüsseler Anonymität fanden, tauten im Osten nach dem Mauerfall Menschen auf, die Jahrzehnte im sowjetischen Tiefkühler verbracht hatten. Sie kamen nicht als «EU-Bürger» aus der Kälte, sondern als Deutsche, die ihr Land zurückhaben wollten – und kein abstraktes Konstrukt aus Kommissaren und Richtlinien.

Die AfD ist nun Ausdruck und politischer Blitzableiter für diese Rückkehr des Nationalen. Dass sie im Westen als Euro-kritische Professorenpartei begann, ist bezeichnend: Man zweifelte am Ersatzvaterland des Geldes, dem Euro. Dass sie im Osten zur Massenpartei wurde, ist die logische Folge eines Volks, das sich nicht mehr länger für seine Existenz entschuldigen will.

Der «Fall Höcke»: Angst vor dem eigenen Spiegelbild

Warum aber dieser beispiellose Psychostress? Warum die Rufe nach Verboten? Betrachten wir die Reizfigur Björn Höcke. Man muss ihn weiss Gott nicht mögen, und sein Pathos mag manchem wie eine schlechte Kopie aus verstaubten Geschichtsbüchern vorkommen. Aber schauen wir uns die Fakten an: In zehn Jahren Parlamentsarbeit hat er keinen einzigen Vorstoss geliefert, der den Rechtsstaat aus den Angeln gehoben hätte. Er ist kein rhetorisches Genie vom Schlage eines Demagogen der 30er Jahre; er ist ein ehemaliger Lehrer mit einem Hang zum Theatralischen. Aber den Zauberschlüssel ins Herz aller Deutschen hat er nicht.

Der Skandal an Höcke ist nicht, dass er ein «neuer Hitler» wäre – das ist mediale Hysterie und eine Verharmlosung der echten NS-Verbrechen. Der Skandal ist, dass er die Hand an den Giftschrank legt. Wenn er in einer Talkshow die Deutschlandfahne ausrollt, dann ist das für das Berliner Establishment so, als würde man in einer WG von Lungenkranken plötzlich eine Zigarre anzünden. Es triggert die Angst der Deutschen vor sich selbst.

Fazit: Eine Therapie für die Nation?

Die Gegner der AfD haben aber trotzdem einen Punkt: Sie fürchten, dass mit dem Nationalen auch die Dämonen zurückkehren. Das ist ein ehrenwerter, tiefsitzender Instinkt. Aber sie liegen falsch, wenn sie glauben, man könne eine Nation dauerhaft im Zustand der Selbstverleugnung halten. Wenn das «Projekt Europa» stottert, wenn die Grenzen offenstehen und die Identität im Unverbindlichen zerfliesst, dann ist die Rückbesinnung auf den Nationalstaat kein «Nazi-Rückfall», sondern eine weltweite Normalität.

Die AfD wiederum macht es sich zu einfach, wenn sie jedes Unbehagen als «Demokratiefeindlichkeit» abtut. Sie muss beweisen, dass sie das Nationale rehabilitieren kann, ohne in den Extremismus abzudriften. Sie braucht Führungspersönlichkeiten, die nicht nur provozieren, sondern versöhnen – mit der eigenen Geschichte und mit den Nachbarn.

Deutschland steckt in einer Identitätskrise, die schmerzhaft, aber notwendig ist. Man möchte den Deutschen zurufen: Habt ein bisschen mehr Vertrauen in euch selbst, eure eigene Demokratie! Ihr seid nicht mehr die von 1933. Ein bisschen weniger Schnappatmung und ein bisschen mehr schweizerische Gelassenheit im Umgang mit ungemütlichen Oppositionellen täte dem Land gut. Die Wahrheit liegt nicht im Giftschrank und auch nicht im Hurra-Gesang, sondern irgendwo dazwischen – bei einem vernünftigen Patriotismus, der weiss, woher er kommt, aber keine Angst mehr davor hat, wohin er geht.

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