Jeder Krieg beginnt mit einem Krieg der Wörter. So gesehen muss man befürchten: Die Vorbereitungen zum nächsten grossen Krieg laufen bereits auf Hochtouren. Es begann vor ein paar Jahren mit dem damals noch als etwas altväterlich und dubios angesehenen Kampfbegriff der «Kriegstüchtigkeit», der nach 19. Jahrhundert schmeckt und – mit Verlaub – genau da auch hingehört – das Wörterbuch der Brüder Grimm lässt grüssen.
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Wir sehen ja im Rückspiegel der Geschichte, wie weit wir mit dieser Mind-Map im Tornister (oder im Kopf) gekommen sind. Seit 1870 haben wir es mit unserer famosen «Kriegstüchtigkeit» auf zirka achtzig Millionen Kriegsopfer gebracht. Was uns nicht daran hindert, derzeit die Wörter, die in letzter Konsequenz nach Blut und zerfetzten Menschen schmecken, wieder hemmungslos in die Welt zu posaunen.
Beim rassistischen N-Wort geraten wir in Panik, aber das tödliche K-Wort entflammt uns bedenkenlos. Ein forscher Moderator fragt seine Hörer bereits besorgt, «Können wir Krieg?», ein anderer schwärmt von «mentaler Gefechtsbereitschaft».
Innerhalb weniger Tage verwandelten sich rostige Pflugscharen in scharfe Schwerter: Vor unseren Augen entstehen blühende Landschaften aus Panzerhaubitzen, Advanced Gun Systems und hochwertigen Marschflugkörpern in unbegrenzter Zahl. Nukleare Rettungsschirme überspannen den Kontinent, und die Algorithmen autonomer Waffensysteme sichern das Überleben der europäischen Kultur.
Europa ist kaum wiederzuerkennen: vor kurzem noch zögerlich und unentschlossen – nun kriegstüchtig, ja kriegssüchtig und bereit zum letzten Gefecht gegen das angeblich «Böse». Vor kurzem noch der entsetzte Aufschrei über die Massaker von Butscha – wohl wissend, dass es noch nie einen Krieg ohne Butschas gegeben hat.
Dieser neueuropäische Tempo- und Richtungswechsel erfolgt zu rasant und unvermittelt, als dass man ihm so recht trauen könnte. Seit Stéphane Hessels aufklärerischen Kampfschriften «Empört Euch!» und «Engagiert Euch!» sind gerade mal gut zehn, seit Käsmann/Weckers flammend pazifistischem Essay «Entrüstet Euch!» gerade mal drei Jahre vergangen.
Die kurze Spanne genügt, «Kriegstüchtigkeit» und ein zackiges «Rüstet Euch auf!» parteiübergreifend unisono zum neuen kategorischen Imperativ werden zu lassen. Nicht nur eine Wende, sondern eine Steilkurve zeitgeistigen Gesinnungswandels. Das Ganze zudem noch nicht mal kraft eigenen Willens, sondern als panischer Reflex auf einen äusserst dubiosen Deal zweier höchst fragwürdiger Autokraten. Die Rettung Europas aus dem Geist aufgezwungener Aufrüstung – kann das wirklich ein zukunftsweisender Weg sein?
Das Erstaunliche: nicht nur die Politik, die sich naturgemäss gezwungen sieht, in Schwarz-Weiss-Schemata zu argumentieren, auch die Kultur befleissigt sich schlagartig dieses Sprachwandels und verzichtet zusehends auf Zwischentöne.
Wissenschaftliche Kriegsgewinnler sind nicht nur die üblichen Verdächtigen. Etwa der förmlich kriegssüchtige Militärexperte Sönke Neitzel, der sich mit seinem souveränen Historiker-Relativismus in die vorderste Reihe der ach so brillanten TV-Militärexperten vorgeschoben hat und mit Aussagen glänzt wie: Es gehe darum, die «grosse Aufgabe» zu vollbringen, «den Krieg in den Referenzrahmen von Politik und Gesellschaft zurückzubekommen» – und uns allen auf diese Art ein neues «Mindset» zu verpassen.
Man erinnert sich: bislang galt als entscheidender Zivilisationsfortschritt die Ächtung des Krieges als Mittel der Politik, wie sie sich im Laufe des 20. Jahrhunderts völkerrechtlich durchgesetzt hatte. All dies scheint vergangen wie ein Rauch – und man beschwört Kriege eher herauf, als dass man sie im Vorfeld mit allen Mitteln der Diplomatie und der Politik zu verhindern trachtete. Wenn Rheinmetall jubelt, ist dies kein hinreichender Grund, sich sicherer zu fühlen.
Tatsächlich sind die Künste bereits mit im Narrenschiff der Nachrüster. So zeigt sich ein Zeitgeist-geschmeidiger Tendenzschreiber wie Steffen Kopetzky fasziniert vom grossen Spiel der grossen Kriege. In «Risiko» (2015) machte er zuletzt aus dem Plan des deutschen Generalstabs, die Muslime zwischen Konstantinopel und Kabul zum Heiligen Krieg gegen die Feinde des Kaisers aufzuhetzen, eine Partie «Mensch ärgere dich nicht» … nicht mehr.
In puncto Zynismus sind alle Genannten freilich vergleichsweise harmlose Epigonen des Altmeisters der hochdekorierten Verantwortungslosigkeit: Ernst Jünger, der Protokollant der grossen Gefühle in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Kein Graben in den Schlachten, zu dem nicht die Lerche trillerte, kein Stellungskampf ohne die «spukhafte Blässe des Vollmonds», kein Unterstand ohne «pfeifende Rattenscharen, die ihr unheimliches Wesen treiben», und kein Projektil, dessen Aufschlag und Tonhöhe nicht den Koloraturen eines Kanarienvogels vergleichbar im Konzert des Krieges musikalisch begutachtet wird.
Fazit: «Wenn man ein rechter Kerl ist, dann ist Krieg süffig wie Champagner». Womit auch schon der Ort verraten ist, an welchem wir uns befinden: In der Champagne. Hier perlen Synästhesien und Begriffe wie «Kopfschuss», «Posten», «Graben», «Bewegung», «Stellung», werden zu Urworten einer militärischen Grammatik. Selbst das nackte Grauen passt fugenlos in den poetischen «Referenzrahmen» einer Grammatik, die lückenlos ins Wörterbuch der Unmenschlichkeit mündet:
«Unsere Hoffnung ruht in den jungen Leuten, die an Temperaturerhöhung leiden… Sie ruht im Aufstand, der sich der Herrschaft der Gemütlichkeit entgegenstellt und der der Waffen einer gegen die Welt der Formen gerichteten Zerstörung, des Sprengstoffes, bedarf, damit der Lebensraum leergefegt werde für eine neue Hierarchie.»
Zugegeben, so weit, dass solch aufgeblasener Quark bereits mehrheitsfähig wäre, sind wir noch bei weitem nicht. Aber das Unbehagen an unserer angeblichen «Verweichlichung», unserer mutmasslichen Bequemlichkeit, sickert bereits in die Diskurse. Wir sollten sie als Warnung vor einer Tendenz zum mentalen Grabenkampf sehen und beizeiten in die Schranken weisen. Es kann nicht sein, dass das Thema der Entrüstung allein der AfD vorbehalten bleibt.