Während deutsche Staatsangestellte – unterstützt von der Gewerkschaft Verdi – deutlich höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten erstreiten, kämpfen viele Mittelstandsunternehmen ums Überleben. Die jüngsten Insolvenzzahlen unterstreichen den prekären Zustand der deutschen Wirtschaft. Allein im November 2025 mussten so viele Betriebe Insolvenz anmelden wie seit zehn Jahren nicht mehr. Für das Gesamtjahr 2025 werden über 23.000 Unternehmensinsolvenzen erwartet – mehr als 60 Betriebsschliessungen pro Tag.
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Derzeit deutet sich ein weiterer Stellenabbau von rund 12.000 Arbeitsplätzen pro Monat an. Infolge von Ketteninsolvenzen könnten 2026 zusätzlich rund 30.000 Unternehmen vom Aus betroffen sein. Im europäischen Vergleich entwickelt sich die Wirtschaft zwar insgesamt nur verhalten, doch Deutschland hat als einst führende Industrienation deutlich an Wettbewerbsfähigkeit eingebüsst.
Gemäss Internationalem Währungsfonds wuchs die Weltwirtschaft seit 2019 um 19 Prozent, die USA wuchsen wirtschaftlich um 15 Prozent, die Schweiz um 10 Prozent, Italien um 6 Prozent und Frankreich um 5 Prozent. Selbst Grossbritannien erreichte rund 5 Prozent Wachstum. Deutschland hingegen stagnierte mit lediglich 0,2 Prozent. Eine Konjunkturumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) Anfang 2026 bei rund 26.000 Unternehmen deutet darauf hin, dass die Talsohle noch nicht erreicht ist – trotz einer Anhebung der offiziellen BIP-Wachstumsprognose von 0,2 Prozent für 2025 auf 1 Prozent für das laufende Jahr.
In der Industrie gingen 2025 gemäss EY (ehemals Ernst & Young) rund 124.000 Stellen verloren. Mit 5,38 Millionen Beschäftigten entspricht dies einem Rückgang von 2,3 Prozent – nahezu doppelt so stark wie 2024. Seit 2019 sank die Zahl der Industriearbeitsplätze um etwa 266.000 oder knapp 5 Prozent. Besonders stark betroffen ist die Automobilbranche mit einem Beschäftigungsrückgang von 13 Prozent beziehungsweise 111.000 Stellen.
Die schuldenfinanzierten Mehrausgaben des Staates – insbesondere im Rüstungsbereich – stützen einzelne Sektoren, entfalten jedoch keine breite Wirkung. Nur ein Viertel der Unternehmen bewertet seine Geschäftslage zu Jahresbeginn als gut, ebenso viele bewerten sie als schlecht. Als zentrale Risiken nennen die Betriebe die schwache Inlandnachfrage (59 Prozent), gestiegene Arbeitskosten (59 Prozent), wirtschaftspolitische Unsicherheit (58 Prozent) sowie hohe Energie- und Rohstoffpreise (48 Prozent).
Lediglich jedes vierte Unternehmen plant höhere Investitionen, während fast jedes dritte Kürzung vorsieht. Laut DIHK liegen die privaten Investitionen 11 Prozent unter dem Vor-Corona-Niveau. Investiert wird vor allem in Ersatzbeschaffungen (66 Prozent) und Rationalisierungsmassnahmen (34 Prozent); Innovationen und Kapazitätserweiterungen spielen weiterhin eine untergeordnete Rolle.
Ein Viertel der Betriebe rechnet mit weiterem Personalabbau, nur 12 Prozent planen Neueinstellungen. Erstmals seit elf Jahren sind wieder mehr als drei Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Leichte Impulse könnten die Exporterwartungen bringen, gestützt durch neue Freihandelsabkommen der EU mit Mercosur und Indien.
Fazit: Die Bundesregierung verliert nach Ansicht vieler Unternehmen wertvolle Zeit mit Gesetzes- und Steuervorhaben ohne spürbaren Wachstumseffekt. Die Regulierungsdichte bleibt hoch, strukturelle Reformen kommen nur zögerlich voran. 2026 dürfte für Deutschland ein weiteres wirtschaftlich schwaches Jahr werden.