Die legendären Kessler-Zwillinge Alice und Ellen sind tot. Aus dem Nachkriegsdeutschland kommend, verzauberten die beiden Entertainerinnen unterwartet die ganze Welt. Sie tanzten in Paris, sangen in Las Vegas und glänzten im italienischen Fernsehen.
2007 fragte die Weltwoche die damals 71-jährigen Zwillinge während eines Interviews, ob sie sich vorstellen könnten, ohne den anderen zu leben. «Für kurze Momente. Ja, aber dann schiebe ich den Gedanken weg», sagte Ellen. Am 17. November starben die beiden Schwestern gemeinsam im Alter von 89 Jahren durch assistierten Suizid.
MARTIN ATHENSTÄDT / KEYSTONE
Das ganze Weltwoche-Gespräch mit den berühmtesten Zwillingen Deutschlands lesen Sie hier:
Lassen Sie uns ein Spiel spielen: Ich nenne den Namen eines Stars, und Sie erzählen mir, wo und wie Sie ihn getroffen haben. Bereit?
Beide: Bereit.
Fred Astaire.
Alice: Mich hat beeindruckt, dass er so bodenständig war! Ich meine, dieser Mann, der so viel erreicht und geleistet hat, er war so lustig. Und er konnte nicht einmal die leichtesten Ballettübungen.
Ellen: Der war ja überhaupt nicht klassisch ausgebildet.
Balletttänzer Rudolf Nurejew.
Ellen: Bei dem hat mich nur sein Hysterieanfall beeindruckt, im Haus eines gemeinsamen Bekannten in Positano. Man hatte ihn bei einem Bootsausflug vergessen. Er drehte total durch und rief: «I shit on this house», und hinterliess auf der Treppe ein Häufchen.
Alice: Auf jeder Stufe.
Ellen: Das war schon eine Leistung.
Alice: Es war eine lange Treppe.
Frank Sinatra.
Ellen: Wir sind in Las Vegas mit ihm aufgetreten. Er hatte immer das Gefühl, wir rackerten uns zu sehr ab, und sagte ständig: «Take it easy, take it easy.»
Alice: Einmal hat er uns angeschaut und gesagt: «Eine Schande, dass ich gerade geheiratet habe.»
Marlene Dietrich.
Ellen: Eine tolle Frau. Wir haben in Dänemark zusammen gearbeitet. Sie kam morgens aus New York zur Probe, ist abends aufgetreten und war überhaupt nicht müde. Wir haben sie nach ihrem Trick gefragt. Da hat sie gesagt, sie machte Yoga und brauchte keinen Schlaf. Nur Yoga.
Elvis Presley.
Alice: In Paris wollten wir mit ihm ins «Chez Régine» gehen, einen angesagten Nachtklub. Da hat er mit der Faust gegen das Fenster seiner Limousine geschlagen und gerufen, er wolle da nicht hin. Dort waren ihm zu viele Prominente.
Ellen: Der war voller Komplexe.
Alice: Einmal waren wir essen, er hatte eine Zwiebelsuppe bestellt. Die zog ein paar Fäden. Er hat sofort aufgehört zu essen. «Die Leute starren mich an», sagte Elvis.
Charlie Chaplin?
Ellen: Wir haben mit ihm im Bois de Boulogne ein Foto für eine Geschichte über Zwillinge gemacht. Er war ein ganz Netter. So ein bisschen väterlich.
Romy Schneider
Alice: Die konnte sehr lieb sein. Aber auch sehr launisch.
Sie lebten in der Showwelt der wilden Sechziger, sind Sie jemals aus Ihrer disziplinierten Welt ausgebrochen?
Beide: Nein.
Das kann ich mir nicht vorstellen.
Ellen: Das haben wir schon in Paris ausgelebt.
Alice: Da waren wir noch jünger. 17, 18 Jahre, und da sind wir nachts nach der Vorstellung losgezogen: Pigalle, Montmartre. Wir sind ja nie vor sechs oder sieben ins Bett gegangen. Ich meine nach der zweiten Vorstellung, die war vielleicht damals so gegen halb drei zu Ende. Da sind wir erst mal essen gegangen.
Ellen: Wir hatten so eine Clique von jungen Männern, alles Studenten aus Akademikerfamilien, Ärzte, Anwälte, die waren alle homosexuell. Und die haben uns ausgeführt in Paris.
Alice: Und beschützt.
Ellen: Wenn irgendwelche Männer kamen, haben die gesagt: «Nein, nein, wir sind mit denen verlobt.»
War es einem fremden Mann überhaupt möglich, Sie kennenzulernen?
Alice: Das war schwierig. Erst mal durch unseren Beruf, wir waren abends ja immer beschäftigt. Und dann auch noch zu zweit. Das war nicht einfach.
Wie konnte man Sie denn erobern?
Alice: Ich glaube, dass es bei mir immer so ist oder gewesen ist, dass ich selbst erobern will. Nicht erobert werden will, sondern erobern will.
Ellen: Hartnäckigkeit ist es bei mir. Umberto (Orsini, italienischer Schauspieler, d.Red.) war ja so hartnäckig, mit dem war ich dann auch 20 Jahre liiert.
Warum haben Sie nie geheiratet, obwohl Ihnen so viele Männer zu Füssen lagen?
Ellen: Wissen Sie, wir sind in dem Beruf zu zweit. Da ist es schwer, zu heiraten und die andere sitzen zu lassen. Zu sagen: «Du, ich heirate und führe ein Familienleben.» Ich glaube, ich hätte es mich nie getraut.
Alice: Die Ehe war auch nie ein Ziel für uns. Wir kommen ja aus einer sehr unglücklichen Beziehung zwischen Vater und Mutter. Unser Vater wurde schnell handgreiflich.
Ellen: Unsere Mutter war eine Sklavin! Das muss man so sagen. Und das hätte ich mir nie gefallen lassen.
Alice: Für uns war auch immer wichtig, unabhängig zu sein. Wir sind ja eh schon abhängig voneinander.
Ellen: Als ich mich nach zwanzig Jahren von meinem Lebensgefährten getrennt habe, das war hart. Aber dann habe ich darüber nachgedacht, wie muss es Frauen ergehen, die abhängig sind, die keinen Beruf haben? Ich meine, mir ging es schlecht, aber ich hatte Auftritte, konnte arbeiten, Freunde sehen. Da kommt man viel leichter darüber hinweg, als wenn Sie jetzt von einem Mann abhängig sind und der Sie verlässt, und dann sitzen Sie da. Was machen Sie dann? Da kann man sich ja nur noch umbringen.
Waren Sie mal eifersüchtig aufeinander?
Beide: Nein! Eifersüchtig nie.
Ellen: Es gibt immer so einen Wettbewerb zwischen uns, wer kann etwas schneller und besser, aber eifersüchtig waren wir nie!
Alice: Wir müssen ja eigentlich nicht mal reden.
Ellen: Das Persönliche verstehen wir ohne Worte.
Klingt fast so, als wären Sie miteinander verheiratet.
Ellen: Ja, ich sage immer, wir sind wie ein altes Ehepaar.
Was ist denn Ihre schönste Erinnerung an Ihre Kindheit?
(Stille)
Alice: Oh, das ist schwierig.
Haben Sie Ihre Kindheit nicht als schön empfunden?
Beide: Nein!
Alice: Also spontan fällt mir jetzt ein: Das erste Fresspaket von unserem Vater aus dem Westen.
Wie hat das Verhalten Ihres Vaters Ihr Leben beeinflusst?
Ellen: Dass wir sehr vorsichtig mit Männern umgehen. Sehr kritisch.
Alice: Ich glaube, es hat uns enger zusammengeschweisst.
Ellen: Es hat uns auch stark gemacht.
Er hat Ihnen auch den Weg ins Showgeschäft gewiesen.
Alice: Ja, das hat er. Er wollte, dass wir uns graziös bewegen, er hat uns in Ballett-, Tanz- und Musikunterricht geschickt. Das haben wir alles ihm zu verdanken. Aber trotzdem habe ich ihn nie geliebt.
Wann haben Sie sich von Ihrem Vater gelöst?
Alice: 1958 in Paris.
Ellen: Seit wir im «Lido» waren, haben wir ihn kaum gesehen. Wir waren ja nur selten mal in Deutschland, um einen Film zu machen. Aber 1958 haben wir die Eltern dann scheiden lassen.
Sie haben Ihre Eltern scheiden lassen?
Alice: Unsere Mutter hätte das allein nicht fertiggebracht. Aber es war ja sinnlos, dass sie bei Vater blieb.
Gehört ein strenger Elternteil zu einer grossen Karriere? Auch die Mutter von Britney Spears hat ihre Tochter stets angetrieben.
Ellen: Absolut. Viele Kinder heute sind antiautoritär erzogen, aber was kommt denn dabei heraus?
Alice: Nein, einfühlsam sollten Eltern sein, sie müssen nicht streng sein.
Ellen: Ja, aber ein bisschen Strenge gehört, glaube ich, auch dazu. Ein Kind muss Respekt haben. Einfühlsamkeit allein bringt nichts ohne Respekt. Glaube ich.
Für Sie, Alice, ist Einfühlsamkeit am wichtigsten?
Alice: Ja, Verständnis, auf jemanden einzugehen.
Gilt das auch für Eltern eines erfolgreichen Kindes?
Beide: Disziplin ist auf alle Fälle wichtig.
Wie hat sich denn das Showgeschäft verändert?
Ellen: Wir hatten damals keine Verantwortung. Es wurde für uns gedacht.
Alice: Wir mussten uns nicht um Musik kümmern, nicht um Kostüme, das wurde alles für uns gemacht. Wir mussten es halt nur ausführen. Irgendwie hat sich alles immer ergeben. Obwohl wir gern mal am Broadway in einem Stück gespielt hätten. Daraus ist leider nie etwas geworden.
Ellen: Aber immerhin mussten wir nie vorspielen. Nie!
Alice: Nie!
Ellen: Einmal.
Alice: Einmal. Im «Plaza» in New York.
Ellen: Das war aber kein Vorspielen, die wollten nur sehen, ob der Akt für ihre Show gut genug war.
Alice: Wir wurden sofort engagiert.
Gab es irgendeine Rolle in Ihrem Leben, die Ihnen nicht gefallen hat?
Ellen: Also in Italien haben wir immer Leitmotive von Fernsehserien gesungen. Die Lieder haben die Leute jede Woche gehört. Zur damaligen Zeit, 1961–62, waren die auch zeitgemäss. Aber man will immer noch, dass wir heute diese alten Hits singen. Nun sind wir aber nicht mehr zwanzig. Die können doch nicht verlangen, dass wir immer noch dieses Liedchen singen!
Welches Liedchen?
Beide: «Da-da-umpa»!
Ellen: Das ist die Nationalhymne der RAI. Irgendwie ist «Da-da-umpa» im Kopf aller Italiener geblieben. Die sehen uns auf der Strasse und fangen sofort an, dieses Lied zu singen.
Alice: Selbst als wir im letzten Februar in Ägypten waren, kamen Italiener auf uns zu und sangen: «Da-da-umpa!»
Wie haben Sie reagiert?
Ellen: Am Anfang waren wir ein bisschen pikiert, das war ganz schlecht. Aber wenn wir sagten: «‹Da-da-umpa› ist ja nun lange her, und ich wünsche Ihnen einen schönen Tag», dann waren sie zufrieden und liessen uns in Ruhe.
Gibt es etwas, wonach Sie sich heute sehnen?
Alice: Nein, eigentlich nicht.
Ellen: Nach innerer Zufriedenheit.
Denken Sie über das Alter nach?
Alice: Nein.
Ellen: Nein
Über den Tod?
Beide: Nein.
Könnten Sie sich vorstellen, ohne die andere zu leben? Es kann ja passieren, dass ein Mensch vorher geht. Haben Sie darüber einmal nachgedacht?
Ellen: Für kurze Momente. Ja, aber dann schiebe ich den Gedanken weg.
Alice: Ja.
Ellen: Wie kann man darüber nachdenken, man macht sich doch unglücklich. Das geht nicht.
Haben Sie eine Empfehlung für Menschen, die mit ihrem Alter hadern?
Ellen: Wir werden geboren und werden jeden Tag älter, das muss man akzeptieren. Ich meine, ich freue mich nicht, dass ich älter werde, aber ich stehe absolut dazu.
Alice: Ich denke nicht darüber nach. Ich freue mich auch nicht über die Falten oder die Wehwehchen, die da kommen im Alter.
Ellen: Die Falten sind mir wurscht. Hauptsache, ich bin gesund und mir tut nichts weh. Das ist viel wichtiger.
Bereuen Sie etwas in Ihrem Leben?
Alice: Nein.
Ellen: Nein, ich auch nicht. Was soll man bereuen? Es geht rauf und runter. Das gehört zum Leben. Man kann nicht immer nur auf der Sonnenseite sein.
Alice und Ellen Kessler, 71, traten im Pariser «Lido» ebenso im Gleichschritt auf wie in Las Vegas und in Sydney. Besonders populär waren die tanzenden Zwillinge in Italien.