Wo Neonazis kämpfen: Im Ukraine-Krieg sind auch Rechtsextremisten aktiv – und zwar auf beiden Seiten der Front
Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Abonnemente
Jedes Abo eine Liebeserklärung an die Meinungsvielfalt.
AboDigital
Für alle, die Online lesen wollen
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
AboPrint & Digital
Printausgabe & digital jederzeit dabei
Wöchentliche Printausgabe
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
Sind Sie noch nicht überzeugt? Details zu den Abos
Die Weltwoche

Wo Neonazis kämpfen: Im Ukraine-Krieg sind auch Rechtsextremisten aktiv – und zwar auf beiden Seiten der Front

In russischen Propaganda-Kanälen sind gehäuft Bilder von angeblichen ukrainischen Kriegsgefangenen zu sehen, die Oberkörper entblösst und übersät mit Tätowierungen, darunter auch Nazi-Symbole. Die Männer sollen zum Asow-Regiment gehören und haben sich in der von Russland eroberten Stadt Mariupol am Asowschen Meer kürzlich ergeben.

Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved
A civilian militia man holds a shotgun and a rifle during training at a shooting range in outskirts Kyiv, Ukraine, Tuesday, June 7, 2022
Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved

Nun werden sie in der «Volksrepublik Donezk» im Donbass gefangen gehalten. Dort droht ihnen ein Prozess vor einem von Moskau inszenierten «Kriegsverbrechertribunal».

Bei den wenigsten dieser Propaganda-Bilder ist aber klar, ob es sich wirklich um Mitglieder des 2014 gegründeten Asow-Regiments handelt.

Ähnliche Aufnahmen hat auch die ukrainische Propaganda schon vor Wochen in Umlauf gesetzt, damals ging es allerdings um angebliche russische Kriegsgefangene mit Nazi-Tätowierungen. Die Frage, welche Neonazis bei welcher Kriegspartei kämpfen, ist ein wichtiges Thema im Propaganda-Krieg, geht es bei der «militärischen Spezialoperation» Russlands ja angeblich um die «Entnazifizierung» der Ukraine.

Schlacht um das Asow-Stahlwerk

Ohne Zweifel hat das Asow-Regiment eine rechtsextreme Vergangenheit: Nach der russischen Invasion auf der Krim und dem von Moskau geschürten Aufstand im Donbass wurden die Asow-Kämpfer zu einem wichtigen Teil der ukrainischen Verteidigung.
Ihnen werden aus der damaligen Zeit auch schwere Kriegsverbrechen nachgesagt. Der Einfluss der Neonazis innerhalb von Asow ging aber zurück, nachdem die Einheit in die ukrainische Nationalgarde eingegliedert worden war.
Viele neurekrutierte Kämpfer hatten nichts mehr mit Rechtsextremismus am Hut.

Ausserdem bezeichnete sich der jüdische Ukrainer Nathan Chasin in einem Artikel der britischen BBC als ein Mitgründer des Asow-Regiments. Und der jüdische Oligarch Ihor Kolomoyskyj, der unter Korruptionsverdacht steht, gehörte zu den Financiers der Einheit.
Wie divers die Asow-Kämpfer sind, zeigt sich auch an der Zusammensetzung der Einheit, die in Mariupol bis zum bitteren Schluss kämpfte.

Laut der Times of Israel waren in der Schlacht um das Asow-Stahlwerk eine ganze Reihe von Juden beteiligt, was in einer echten Neonazi-Truppe wohl undenkbar wäre.
Auch wenn die Asow-Kämpfer durch ihr Ausharren in Mariupol weltweit Berühmtheit erlangten, stellt die Einheit nur einen sehr kleinen Teil an den gesamten ukrainischen Verteidigungskräften.

Immerhin gibt Kiew die Zahl der inzwischen unter Waffen stehenden Ukrainer mit rund 700.000 an. Das Asow-Regiment kommt dabei bestenfalls auf ein paar Tausend Männer und Frauen, wobei ein erheblicher Teil davon sich nun in russischer Kriegsgefangenschaft befindet.

Die Fahne des Asow-Regiments mit Wolfsangel und der Schwarzen Sonne im Hintergrund. (Quelle: Telegram)

Nazi-Symbole auf der Fahne

Nicht von der Hand weisen lässt sich jedoch der Vorwurf, dass das Asow-Regiment in seinem Emblem Nazisymbole verwendet: Da ist einmal die Wolfsangel, ein altes Symbol, das auch im Dritten Reich Anwendung fand – zum Beispiel bei verschiedenen SS-Einheiten – und das auch heute bei Neonazis verbreitet ist.

Die Asow-Kämpfer behaupten allerdings, dass ihr Zeichen keine Wolfsangel sei, sondern einfach nur aus den Buchstaben N und I für «nationale Idee» bestehe.

Das mag sein, aber hinter der Wolfsangel prangt im Asow-Emblem noch eine Schwarze Sonne, eine Kombination von drei übereinandergelegten Hakenkreuzen. Die Schwarze Sonne – ursprünglich ebenfalls ein SS-Symbol – ist heute vor allem auch bei deutschen Neonazis zum Beispiel als Tätowierung beliebt, weil sie im Gegensatz zum Hakenkreuz oder zu den SS-Runen in Deutschland nicht verboten ist.

Dass die Asow-Kämpfer ihr Emblem bis heute nicht «entnazifiziert» haben, spielt der russischen Propaganda in die Hand.
Ausserdem wirft Russland den Ukrainern vor, sie seien Anhänger der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), die im Zweiten Weltkrieg mit der Wehrmacht kollaborierte und sich an der Vernichtung der Juden und ethnischer Polen beteiligte. Chef dieser Gruppe war der ukrainische Nationalist Stepan Bandera, der zeitweise im deutschen Konzentrationslager Sachsenhausen gefangen gehalten wurde.
Nach dem Krieg kämpfte die UPA noch eine Zeitlang gegen die Sowjets, und der sowjetische Geheimdienst KGB brachte Bandera 1959 in München um. Die russische Propaganda spricht deshalb pauschal von «Banderisten», in diesem Fall ein Synonym für «faschistische Nationalisten», wenn sie ukrainische Soldaten und Milizionäre meint.

Auch damit spielen die Ukrainer den Russen ungewollt in die Hand: An vielen Strassensperren weht neben der ukrainischen Flagge die rot-schwarze Fahne der UPA, und manche ukrainischen Kampfeinheiten benützen diese Farbkombination sogar in ihren Emblemen.

Viele Ukrainer wollen heute mit den Farben Rot und Schwarz allerdings nichts anderes ausdrücken als ihr Bekenntnis zur Unabhängigkeit der Ukraine: Rot für das für den eigenen Staat vergossene Blut und Schwarz für die dunkle, fruchtbare Erde ihres Landes.

Rechtsextremisten auf russischen Seite

Obwohl Russland die Ukraine offiziell zu «entnazifizieren» vorgibt, kämpfen auch auf russischer Seite Neonazis, und zwar schon seit der Besetzung der Krim und Teilen des Donbass im Jahr 2014.
So kam schon damals – und heute wieder – die russische Söldner-Truppe Wagner zum Einsatz. Deren Chef, Dmitri Utkin, ist ein Vertrauter von Putin und hat auf seinem Oberkörper unter anderem ein SS-Zeichen eintätowiert.

Ebenfalls seit 2014 ist auch die Neonazi-Kampftruppe Russitsch im Donbass aktiv. Diese Kämpfer sollen laut einem Papier des deutschen Bundes-Nachrichtendiensts Teil der Wagner-Gruppe sein, wie das deutsche Magazin Der Spiegel berichtet hat. Auf dem Emblem dieser Einheit ist neben dem Wort Russitsch ein sogenanntes Kolovrat abgebildet, zwei übereinandergelegte Hakenkreuze.
Der Kommandeur der Gruppe Russitsch ist der Sadist Alexei Miltschakow, ein ehemaliger russischer Fallschirmjäger. Bilder zeigen ihn in jungen Jahren, wie er einem Hundewelpen den Kopf abschneidet. Später liess sich Miltschakow mit einer Hakenkreuzfahne ablichten.

Ende Mai tauchte auf dem sozialen Medium Telegram ein Foto von ihm auf, das ihn im Tarnanzug und bewaffnet vor einem ausgebrannten Panzer zeigt, angeblich in der Ukraine. Auch ihm werden schwere Kriegsverbrechen nachgesagt.

Kämpfer der Gruppe Russitsch mit einem Emblem aus zwei übereinandergelegten Hakenkreuzen. (Quelle: Telegram)

Besonders zu Beginn der von Moskau abhängigen «Volksrepubliken» im Donbass waren Rechtsextremisten keine Seltenheit. Danach kam eine Zeit, in der diese Leute Russland eher lästig wurden. Der eine oder andere wurde dann auch beseitigt.

Nun scheint es, als ob der Personalmangel in der russischen Armee Moskau dazu gezwungen habe, vermehrt auf Söldner abzustellen, unter ihnen auch Neonazis.

Aber wie im Fall der ukrainischen Rechtsextremisten handelt es sich dabei um eine kleine Minderheit, die nicht repräsentativ ist für das Gros der auf beiden Seiten kämpfenden Soldaten.

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 01.04.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.