Die Empörung war gross, als öffentlich wurde, dass Schauspielerin Odessa A’zion die Rolle der Zoe Gutierrez aus der A24-Romanadaption «Deep Cuts» übernehmen soll. Das Problem für viele: Die Figur Zoe Gutierrez hat einen jüdisch-mexikanischen Hintergrund. Odessa A’zion verfügt hingegen über US-amerikanische und deutsche Wurzeln. Sie ist die Tochter der Schauspielerin Pamela Adlon und des Filmemachers Felix O. Adlon und wuchs sowohl in Boston als auch in Neufahrn in Deutschland auf. Zuletzt spielte sie im Oscar-nominierten Film «Marty Supreme» an der Seite von US-Star Timothée Chalamet.
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Nachdem die Schauspielerin einen öffentlichen Shitstorm erlitt, verkündete die 25-jährige A’zion ihren Rückzug aus «Deep Cuts». «Ich hatte das Buch nicht gelesen und hätte auf alle Aspekte von Zoe achten sollen», entschuldigte sich die Schauspielerin auf Instagram. On top verfassten mehr als 100 Künstler mit lateinamerikanischem Hintergrund einen offenen Brief an Hollywood, in dem sie mehr Chancen für Latino-Schauspieler und authentische Repräsentation fordern. «Doctor Strange»-Star Xochitl Gomez prangerte gar «eine breite anhaltende Auslöschung unserer Gemeinschaft» an, wenn «eine klare Latina-Figur durch eine Nichtlatina-Schauspielerin» ersetzt werden würde.
Spannend ist das deshalb, weil parallel zur Kritik an A’zions Besetzung und zu ihrem anschliessenden Rückzug aus dem Projekt verkündet wurde, dass die 42-jährige Lupita Nyong’o die Rolle der Helena von Troja in Christopher Nolans Verfilmung des homerischen Epos «Die Odyssee» übernehmen wird. Die wiederum ist Tochter kenianischer Eltern und in Mexiko geboren. Sprich: Sie ist schwarz.
Helena von Troja, für diejenigen, die sich nicht so sehr in der griechischen Mythologie auskennen, ist die Tochter des Zeus und der Leda und gilt als schönste Frau der Welt. Sie wird gemeinhin als blond und blauäugig beschrieben. 2004 wurde sie von der deutschen Schauspielerin Diane Kruger in Wolfgang Petersens «Troja» verkörpert.
Allerdings verhält es sich hier mit der Kritik gänzlich anders als bei Odessa A’zion. Wer sich darüber beschwert, dass eine Frau mit schwarzafrikanischen Wurzeln eine als blond und blauäugig beschriebene Figur aus der griechischen Mythologie spielen soll, der gilt als ewiggestriger Rassist. Plötzlich hat niemand ein Problem mit der «Auslöschung» von weissen Figuren in Filmen. Das Argument: Helena von Troja sei eine fiktive Figur, daher spiele es keine Rolle, von wem sie gespielt würde.
Identitätspolitik scheint also immer nur in eine Richtung zu funktionieren. Das «Whitewashing» von Rollen gilt als verpönt. «Blackwashing» hingegen ist in Ordnung. Das zeigte schon die Besetzung der Schwarzen Jodie Turner-Smith als englische Königin Anne Boleyn in der gleichnamigen Miniserie von 2021. Im Übrigen keine fiktive Figur, sondern eine real existierende Person.
Manche sind eben gleicher als andere.