Zwei prominente israelische Menschenrechts-Organisationen erklärten neulich, dass ihr Land in Gaza einen Völkermord begehe – das erste Mal, dass jüdisch geführte Organisationen innerhalb Israels während des nunmehr fast 22 Monate andauernden Krieges eine derart gravierende Anschuldigung gegen den eigenen Staat erhoben haben.
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Die Vorwürfe stiessen in Israel auf schärfste Kritik. Viele Israelis sehen den Krieg in Gaza als eine gerechtfertigte Reaktion auf den schwersten Angriff in der Geschichte des Landes – und nicht als Versuch einer Auslöschung.
Aber die öffentliche Stimmung in Israel verändert sich spürbar. Fast zwei Jahre nach Beginn des Gaza-Krieges fragen sich immer mehr Israelis, wohin dieser Weg noch führen kann – und ob es überhaupt ein klares Ziel gibt. Was einst als entschlossene Antwort auf den Terror vom 7. Oktober begann, wirkt inzwischen wie ein Krieg ohne absehbares Ende.
Es ist nicht primär das Mitgefühl mit der Zivilbevölkerung in Gaza, das viele Israelis zweifeln lässt. Die Bilder aus dem Kriegsgebiet werden in Teilen der Gesellschaft als überzeichnet oder sogar gefälscht empfunden – eine Reaktion, gespeist aus tiefem Misstrauen gegenüber internationalen Medien und einer langen, traumatischen Geschichte mit der Hamas.
Und doch beginnt etwas zu bröckeln: Es ist die Überzeugung, dass dieser Krieg noch irgendeine Lösung bringen kann. Eine «lange Rechnung» mit Gaza begleichen – ja. Aber zu welchem Preis?
Die Bilanz ist bitter: Mehrere Hundert gefallene Soldaten, Tausende Verletzte, eine traumatisierte Bevölkerung – und zunehmend isolierte internationale Positionen. Vor dem Hintergrund einer im September geplanten internationalen Konferenz zur Anerkennung Palästinas steigt der Druck weltweit deutlich an. Israel soll endlich einen politischen Ausweg formulieren – doch die Regierung Netanjahu wirkt orientierungslos.
Die Frage, ob die Stimmung «kippt», ist nicht nur semantisch – sie ist strategisch. Wenn eine Gesellschaft nicht mehr weiss, was sie mit diesem Krieg gewinnen kann, und zugleich unter immer grösserem Druck von aussen steht, dann rückt eine politische Wende in den Bereich des Möglichen.
Oder ist es schon zu spät?