Der Weg zum Veloparadies führt durch Weiler mit einer Handvoll von Bauernhöfen und eine hügelige Landschaft, von denen die Fahrradfreunde in den Städten vermutlich kaum ahnen, dass sie überhaupt existieren. Es ist nicht ohne Ironie, dass der Mann, der vermutlich mehr für das Veloland Schweiz getan hat als jeder andere, sein Geschäft nicht an einer urbanen Fahrrad-Vorzugsroute aufgebaut hat, sondern neben – und mittlerweile auch im – Bauernhof seiner Eltern. Thomas Binggeli, den hier alle «Thömu» rufen, hat in Oberried bei Bern buchstäblich Zweiradgeschichte geschrieben.
Im Test- und Begegnungszentrum der Thömu-Welt laufen Mitarbeiter in roten Kapuzen-Sweatshirts mit grossem «Thömus»-Schriftzug auf der Brust herum, auch der Patron selbst ist zum Gespräch in einen knalligen Pulli gekleidet. Vom Sitzungszimmer «Gantrisch» aus sieht man hinunter auf den Swiss Bike Park, der sich über eine riesige Fläche fast bis zum Horizont erstreckt. Es sei eine einzigartige Anlage für die Schweiz, heisst es auf der Website. Ein Projekt, entstanden auf Initiative von Binggeli, realisiert als Stiftung mit einer Reihe von Partnern und komplett kostenlos für die Benutzer.
Loops, Drops und ganze Familien
Velofreunde finden hier auf 30 000 Quadratmetern «einfache flowige Loops, eine Tricksprunganlage, technische Trails mit Rock Garden und Spitzkehren, Drops, Northshores, Jumps und Pumptracks». Daneben gibt es am Hauptsitz von Thömus, neben Hunderten verschiedener Fahrradmodelle, einen Gastronomie-Bereich, Werkstätten, einen grossen Laden. Firmen machen hierhin Ausflüge, um etwa nach einer gemeinsamen Velotour neue Strategien zu besprechen, und auf dem Parkplatz stehen VW-Busse mit Velo-Transportsystemen, die ganze Familien mit ihren Zweirädern auf diesen Hügel bei Bern gebracht haben. Die Stimmung ist geprägt von einer reizvollen Mischung aus Hippiegeist und Innovationskraft, was den Charme des Ortes ausmacht.
Und diese erstaunliche Erfolgsgeschichte beginnt 1991 tatsächlich auch hier, auf dem ehemaligen Bauernhof, und in Binggelis beeindruckendem Karrierenpalmarès steht zu Beginn die Einrichtung einer Werkstatt – Velo Service Oberried, später umbenannt in Thömus Veloshop – im sogenannten Ofenhaus, wo Binggelis Grossmutter zuvor noch Brot gebacken hatte. Mit der Einrichtung der Werkstatt auf der einen Seite mussten Thömu und sein Bruder Markus den Raum mit einer Schar Hühner teilen, die die andere Seite des Schopfs bewohnten. Im Alter von siebzehn Jahren nutzte Thömu die Ferienabwesenheit seiner Eltern und verkaufte die Schafe aus dem Hofbestand, um mit dem Geld die Werkstatt auszubauen. «Danach haben meine Eltern drei Monate nicht mehr mit uns gesprochen», erzählt der heute Fünfzigjährige rückblickend und fügt an: «Seit langem arbeitet aber mein Vater bei uns in der Werkstatt. Meine Eltern waren damals nur noch Teilzeitbauern. Mein Vater hat als Automechaniker gearbeitet, und daneben hatten wir einige Tiere und ein Stück Wald. Die Schafe zu verkaufen war eine Sache, das Ofenhaus umzubauen eine andere. Es ging lange, bis wir die Bewilligungen dafür hatten, und meine Mutter musste für mich auf dem Handelsregisteramt unterschreiben, weil ich nicht volljährig war.»
Unangenehm stur
Weil er unangenehm stur war, sagt Binggeli heute, habe er sich schliesslich durchgesetzt, 1998 wurde die Eigenmarke Thömus gegründet, die heute noch in Oberried produziert wird. Dabei ist jedes Fahrrad ein «lot size one», wie das in der produzierenden Industrie genannt wird. Also eine auf Bestellung individuell gefertigte Einheit («production on demand»). Damit unterscheidet sich Thömus von fast allen, auch internationalen Konkurrenten, deren Konfektionsmodelle meist fertig montiert in die Läden geliefert werden.
Jetzt hat Binggeli von der Migros dreizehn Filialen der Bike World übernommen und sie nach dem Vorbild des Hauptsitzes in Oberried zu Läden umgebaut, wo Veloliebhaber für Veloliebhaber tätig sind. Der Pionier sieht es als seine grosse Aufgabe an, diese Kultur nun schweizweit in seinen Läden zu etablieren.
Bei Thömus kann der Kunde nicht nur das Modell, sondern auch die Ausstattung detailliert wählen. Erhältlich sind etwa Rennvelos mit Carbonrahmen und hochwertigen Komponenten, City Bikes, voll gefederte Mountainbikes auf Weltklasseniveau oder Modelle wie der Lightrider E3 Pro, mit dem dank der Unterstützung eines kleinen Elektromotors Ausflüge in die Berge oder Einsätze auf Trails sich ziemlich leichtfüssig gestalten.
Velo als «Brückenbauer»
In der Elektrifizierung sieht Binggeli die wichtigste Entwicklungsstufe des herrschenden Velobooms: «Plötzlich können Jung und Alt, trainiert und weniger fit zusammen unterwegs sein.» Die Erschliessung des Toggenburgs, des Gantrischgebiets oder des Emmentals mit dem Velo hat es zum «Brückenbauer» gemacht», sagt er.
Thomas Binggeli hat früh erkannt, dass ein technisch raffiniertes Zweirad nicht nur ein attraktives Freizeitgerät ist, sondern auch eine wichtige Rolle in der Verkehrswende spielen kann, wenn es darum geht, das politisch erwünschte Ziel der Dekarbonisierung zu erreichen. Mit dem Speed-Pedelec Stromer bewies der Berner 2009 Pioniergeist und einen unerschütterlichen Fortschrittsglauben. Das vernetzte, bis zu 45 km/h schnelle ST1 war so etwas wie der Zweirad-Tesla aus der Schweiz: schnell, leistungsstark, robust – eine Art SUV unter den Pedelecs. Mit der Weiterentwicklung ST2 kam das erste Speed-Pedelec mit vollständiger digitaler Integration auf den Markt. Via Bluetooth konnte es mit einem Smartphone verbunden werden, um Funktionen wie Smartlock (Sperren/Entsperren), Motorsteuerung und Fahrstatistiken zu nutzen.
In der Ebene erreicht man mit dem Twinner locker 45 km/h, bergauf ist die Fahrt noch eindrucksvoller.
2011 fusionierte Binggeli die Firma Stromer mit BMC, kaufte sie 2017 mit einer Investorengruppe zurück und verkaufte die Marke schliesslich 2021 an eine französische Investmentfirma. Ziemlich genau fünfzehn Jahre nach dem ersten Stromer hat der Berner die Idee von damals weiterentwickelt und perfektioniert. Mit dem 2024 lancierten Twinner hat sich Binggeli in der Disziplin des Speed-Pedelecs selbst übertroffen. Der Twinner ist ein geniales Fortbewegungsmittel und – wenn man etwas Wind und Wetter nicht scheut – eine ökologische und gesunde Alternative zum Auto im Pendlereinsatz.
Für knapp 13 000 Franken bekommt man einen robusten, aber verhältnismässig leichten Rahmen aus Carbon, grosse 29-Zoll-Räder, ebenfalls aus Kohlefaser gefertigt und mit dicken Pneus bespannt, dazu ABS am Vorderrad oder eine Kamera für den Blick zurück. Dies sind nur einige der Attribute, die das Speed-Pedelec begehrenswert machen. Software-Updates können «over the air» gemacht werden, und dieses Detail ist nicht ohne Ironie. Während Autoweltkonzerne damit immer noch Mühe haben, schafft es ein Velo-Start-up vom Bauernhof in Bern, diese Funktionalität in ein Elektrobike zu implementieren.
In der Ebene erreicht man mit dem Twinner locker 45 km/h, noch eindrucksvoller aber ist die Fahrt bergauf, wo einen die potente Batterie und der Transverse-Flux-Motor mit 9-Gang-Schaltgetriebe und bis zu 70 Newtonmetern auch steile Stücke fast ohne Tempoverlust in relativer Mühelosigkeit überwinden lässt.
Velohandel im grossen Stil
Als Ideengeber und Entwickler hat Thomas Binggeli mit dem Twinner einen weiteren Meilenstein gesetzt. Mit Thömus Bike World will er ausserdem beweisen, dass der Velohandel auch im grossen Stil und mit Filialen in der ganzen Schweiz mit derselben Leidenschaft betrieben werden kann, wie er sie als Siebzehnjähriger in seiner Werkstatt entwickelt hat. Die «Liebe zum Velo» treibe ihn an, sagt er im Sitzungszimmer «Gantrisch», und es gibt in der Schweiz kaum jemanden, der diesen Satz glaubwürdiger aussprechen kann als er.

