Seit der Übernahme der Credit Suisse durch die UBS hat sich das Kräfteverhältnis im Schweizer Bankenmarkt stark verändert. Für Raoul Würgler, Geschäftsführer des Verbands der Auslandsbanken in der Schweiz (AFBS), ist das ein Wendepunkt – und Anlass, über Missverständnisse, Chancen und neue Aufgaben für die internationalen Institute zu sprechen.
Weltwoche: Herr Würgler, viele Menschen verbinden mit Auslandsbanken vor allem private Vermögensverwaltung. Zu Recht?
Raoul Würgler: Das war lange ein dominantes Bild und in der Vergangenheit auch nicht ganz falsch. Viele internationale Banken kamen in der Nachkriegszeit nach Zürich, Genf oder Lugano, um vor allem vermögende Privatkunden zu bedienen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Unsere Mitglieder sind heute in unterschiedlichen Segmenten aktiv, im Firmenkundengeschäft, im Rohstoffhandel, bei Börsenemissionen, bei Finanzinfrastrukturdiensten und auch im Retailgeschäft, teils mit innovativen, digitalen Modellen. Die Auslandsbanken sind also viel breiter aufgestellt, als es oft wahrgenommen wird.
Weltwoche: Können Sie den typischen Nutzen einer Auslandsbank für die Schweiz konkretisieren?
Würgler: Ein zentrales Beispiel ist das internationale Firmenkundengeschäft. Viele Schweizer Unternehmen, auch kleine und mittlere, sind global tätig. Sie exportieren in zehn, zwanzig Länder, haben Lieferanten in Asien, Kunden in Südamerika oder Produktionsstandorte in Osteuropa. Auslandsbanken, die in diesen Regionen präsent sind, kennen die jeweiligen lokalen Gegebenheiten, haben dort eigene Niederlassungen und können Finanzierungen, Absicherungen oder den Zahlungsverkehr effizient abwickeln. Diese Dienstleistungen kann keine Kantonalbank bieten und auch nicht jede Schweizer Grossbank, weil die internationale Vernetzung fehlt und die Bilanzsumme zu klein ist.
Weltwoche: Was war bisher die Rolle der Credit Suisse in diesem Kontext?
Würgler: Die Credit Suisse war über viele Jahre eine wichtige Firmenkundenbank mit einem klaren Fokus auf Unternehmen, auch mit internationalem Geschäft. Nach der Übernahme durch die UBS hat sich das stark verändert. Die UBS verfolgt eine andere Strategie, sie ist deutlich risikoaverser und stärker auf das Private Banking fokussiert. Für viele ehemalige CS-Kunden bedeutet das: Sie passen nicht mehr ins Profil, müssen sich neu orientieren – und schauen sich nach Alternativen um. Genau dort kommen Auslandsbanken ins Spiel.
Weltwoche: Sind Auslandsbanken bereit, diese Lücke zu füllen?
Würgler: Viele sind es. Einige bauen ihre Firmenkundenabteilungen schon gezielt aus, andere prüfen gerade, wie sie den Mittelstand besser bedienen können. Das ist kein einfacher Prozess, weil es strukturelle Veränderungen braucht. Die Prozesse und Systeme, die man bei Grosskonzernen anwendet, passen nicht eins zu eins auf ein Unternehmen mit fünfzig Millionen Franken Umsatz im Jahr. Aber das Bewusstsein ist da, und die Entwicklung läuft. Aber nehmen wir als Beispiel die Tochtergesellschaft einer französischen Universalbankengruppe, die in der Schweiz Commodity Trade Finance anbietet und in sehr vielen afrikanischen Ländern vertreten ist, wo die Rohstoffe herkommen. Oder eine spanische Bank, die in Lateinamerika, in der Türkei und in anderen Ländern Zentralasiens präsent ist, wo die Schweizer Maschinenindustrie ihre Absatzmärkte hat. Für solche Verbindungen stehen unsere Mitglieder. Es gibt keine Währungsgeschäfte, es gibt keine zeitliche und keine prozedurale Verzögerung, sondern ein globales, allumfassendes Angebot.
Weltwoche: Wie beurteilen Sie die Wahrnehmung der Auslandsbanken in der Öffentlichkeit?
Würgler: Da gibt es einen grossen Nachholbedarf. Viele Menschen wissen gar nicht, was Auslandsbanken leisten. Sie kennen keine Namen, haben kein klares Bild oder stützen sich auf alte Vorstellungen. Umso wichtiger ist es, dass wir als Verband verstärkt in die Öffentlichkeit treten. Wir möchten zeigen, dass wir keine fremden Player sind, sondern integraler Bestandteil des Finanzplatzes Schweiz – mit langer Geschichte, grossem Engagement und einem klaren Nutzen für die Wirtschaft.
Weltwoche: Wie alt ist die Geschichte der Auslandsbanken in der Schweiz tatsächlich?
Würgler: Die älteste noch heute aktive Auslandsbank in der Schweiz wurde 1872 in Genf gegründet – von Paribas, im Kontext einer gleichzeitigen Expansion nach Paris, Brüssel und Amsterdam. In Zürich kamen in den 1930er Jahren erste Institute dazu, vor allem für Börsengeschäfte. Damals musste man physisch vor Ort sein, um Schweizer-Franken-Emissionen zu platzieren. Die Schweiz war attraktiv – stabile Währung, tiefe Zinsen, hohe Liquidität. In den 1960er und 1970er Jahren nahmen dann die Regulierungen zu und damit auch das Bedürfnis, sich als Verband zu organisieren. So entstand 1972 unser Verband mit anfänglich dreissig bis vierzig Mitgliedern.
Weltwoche: Wie viele Mitglieder hat Ihr Verband heute?
Würgler: Aktuell sind es rund neunzig Mitglieder aus 27 Ländern. Als ich 2020 die Leitung der Geschäftsstelle übernahm, waren es noch wesentlich mehr. Der Rückgang hat viele Gründe: Fusionen, Marktbereinigungen, Rückzüge infolge der Finanzkrise und der Steuertransparenzdebatte. Das ist eine laufende Flurbereinigung, die auch international zu beobachten ist. Das passiert in der Europäischen Union, das passiert in Amerika, das passiert überall. Spannend ist, dass der Anteil der Auslandsbanken an allen Banken in der Schweiz zugenommen hat. Von etwa einem Viertel auf einen Drittel, und diese Entwicklung wird noch weitergehen. Gleichzeitig haben sich aber die Qualität und das Engagement unserer Mitglieder stark erhöht. Heute sind fast alle international kontrollierten Banken, die in der Schweiz tätig sind, Mitglied bei uns.
Weltwoche: Wie hat sich die regulatorische Umgebung verändert?
Würgler: Dramatisch! Die Finanzkrise, der automatische Informationsaustausch, FATCA, lokale Gesetzgebungen in Zielmärkten – das hat die Anforderungen für Banken enorm verschärft. Früher konnten Banken Kunden aus sechzig Ländern betreuen. Heutzutage ist das kaum mehr möglich. Die Compliance-Abteilungen machen mittlerweile einen Drittel des Personals aus, die Fixkosten für Operations sind gewaltig. Das hat zur Marktbereinigung geführt, aber auch dazu, dass viele Institute gegenwärtig wesentlich fokussierter aufgestellt sind. Viele haben sich komplett umorganisiert, andere haben sich auf bestimmte Märkte konzentriert und die Schweiz verlassen, weil sie kein Geschäft mehr sahen oder zu klein waren.
Weltwoche: Welche Rolle spielt dabei die Politik?
Würgler: Eine wichtige, leider oft auch eine problematische Rolle. Es gibt nach wie vor viel Unwissenheit – bis weit in die Politik hinein. Das zeigte sich etwa in der Debatte rund um die AHV-Fonds-Verwahrung. Da wurde auf emotionaler Ebene gegen eine sachlich begründete Entscheidung Stimmung gemacht. Es ging dort nicht um die Verwaltung von Geldern, sondern um die Verwahrung. Und die kann eine globale Bank oft effizienter und sicherer leisten als ein kleinerer Anbieter. Man muss sich vor Augen halten, dass das ganze Geld der AHV die Bilanz beispielsweise der ZKB bei weitem übertrifft. Auch die Pensionskassengelder der SBB sind bei einer Auslandsbank verwahrt, ebenso diejenigen der Suva. Um derart grosse Summen zu verwahren, braucht es Infrastruktur und Volumen, deren Aufbau extrem teuer ist. Da kann keine Schweizer Bank mehr mithalten.

L: Gestiegene Bedeutung. R: Konsolidierung und Strukturwandel.
Weltwoche: Was braucht es, um dieses Verständnis in der Öffentlichkeit zu verbessern?
Würgler: Aufklärung, Transparenz, Gesprächsbereitschaft. Deshalb haben wir uns im Verband entschieden, unsere Kommunikation zu verstärken. Neue Generationen in unserem Vorstand und in der Geschäftsführung bringen auch ein anderes Verständnis für öffentliche Diskussionen mit. Wir wollen aufzeigen, dass die Auslandsbanken Partner der Schweiz sind. In der Vergangenheit bearbeiteten wir praktisch nur Themen aus dem Private Banking. Heute setzen wir uns für alle Sektoren ein, aus denen wir Mitglieder haben, also auch für Commodity Trade Finance, Corporate Banking, Security Services und Retail Banking.
Weltwoche: Wie eng ist Ihre Zusammenarbeit mit anderen Verbänden und Institutionen?
Würgler: Sehr eng. Wir sind Mitglied der Schweizerischen Bankiervereinigung, stellen dort Vertreter in Ausschüssen und Arbeitsgruppen. Auch mit den Verbänden der Vermögensverwalter und Privatbanken sind wir gut vernetzt – denn viele Herausforderungen teilen wir: etwa den grenzüberschreitenden Marktzugang, regulatorische Entwicklungen oder Fragen der Standortattraktivität. Ausserdem pflegen unsere Mitglieder gute Beziehungen zu den Schweizer Banken vor Ort; obschon man im Markt konkurriert, ist man bei Standortfragen oft Verbündeter.
Weltwoche: Wie sehen Sie die gegenwärtige Rolle der Auslandsbanken im Schweizer Markt?
Würgler: Sie sind systemrelevant, nicht im Sinne der Grösse, aber im Sinne der Funktion. Sie bringen Know-how, Wettbewerb, Investitionen und sind oft die Brücke zwischen der Schweiz und der Welt. Auch in Bereichen wie Clearing, Securities oder Börsenemissionen spielen sie eine grosse Rolle. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass der zweitgrösste Schweizer-Franken-Clearer eine Auslandsbank ist. Oder dass internationale Emissionen durch globale Banken die Liquidität und Relevanz des Schweizer Markts erhöhen.
Weltwoche: Wie beurteilen Sie im Allgemeinen die Zukunft des Bankenplatzes Schweiz und im Speziellen der Mitglieder Ihres Verbands?
Würgler: Ich sehe da viel Potenzial. Wenn die Schweiz ihrem liberalen Grundverständnis treu bleibt, bleibt der hiesige Bankenplatz attraktiv. Es kommen neue Geschäftsmodelle, neue Kundengruppen und neue Kooperationen dazu. Und mit jedem internationalen Unternehmen, das sich in der Schweiz niederlässt, steigt auch die Nachfrage nach international aufgestellten Banken. Die Auslandsbanken müssen diesen Firmen die passenden Dienstleistungen bieten – sonst gehen sie mit ihren Finanzbedürfnissen ins Ausland. Das wäre ein Verlust für den Standort Schweiz.
Weltwoche: Was wäre die Schweiz ohne die Auslandsbanken?
Würgler: Eine Insel – mit eingeschränkter Leistungsfähigkeit. Unser Land würde Teile der Wertschöpfungskette verlieren, viele KMU könnten ihre globalen Aktivitäten nicht mehr effizient finanzieren oder absichern. Und auch die Finanzinfrastruktur würde leiden, von Clearing über Custody bis hin zum Zugang zu Kapitalmärkten. Kurz: Es gäbe ein spürbares Vakuum. Denn die Auslandsbanken sind mehr als ein Randphänomen. Sie sind ein wichtiger Teil des Schweizer Erfolgsmodells.

