Beifall von der falschen Seite
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Die Weltwoche

Beifall von der falschen Seite

Tamara Wernli

Beifall von der falschen Seite

Der Kontaktschuld-Vorwurf erwischt mich, und meine Gleichgültigkeit könnte kaum grösser sein.

Mit solchen Videos liefern Sie Impfgegnern Argumente!» Eigentlich sollte man öffentlich nur noch Dinge sagen, die auf ungeteilte Zustimmung stossen, denn es bedarf einer Art Zauberei, um für seine unerwünschten Argumente keinen unredlichen Vorwurf zu kassieren. Nach meinem letzten Youtube-Video, in dem ich meine Gedanken um die grössten Widersprüche und Absurditäten im Corona-Universum kreisen liess, erhielt ich offenbar Beifall von der «falschen Seite». Ich musste kurz lachen. Shame on me!

Beifall von der falschen Seite

Das Kontaktschuld-Konstrukt erfreut sich grosser Beliebtheit. Laut Wikipedia «stellt der Vorwurf die Tatsache eines ‹Kontaktes› mit zu Recht oder zu Unrecht politisch verdächtigten Personen als solchen heraus». Dabei spielt es keine Rolle, welche Art von Beziehung mit dem Kontakt oder ob überhaupt ein Kontakt besteht. Es ist ein Pseudoargument, bei dem nicht die Sache angegriffen wird, sondern die Person. In anderen Worten: Man assoziiert einen unliebsamen Zeitgenossen mit problematischen Gruppen, in deren Nähe niemand gerne gestellt wird, mit dem Ziel, ihn in einer Debatte in Misskredit zu bringen. Es ist ein billiger Weg, um nicht auf Argumente eingehen zu müssen. Das eigentliche Argument rückt in den Hintergrund, denn die beschuldigte Person kommt nicht umhin, sich erst mal ausdrücklich gegen den Vorwurf zu verteidigen.

Man könnte es auch Demagogie nennen. Es gibt eben Menschen, ich kann sie mir als eine Kombination aus Oberlehrer und Kleingauner vorstellen, die halten sich nicht an die Gesetze der Kommunikation. Nicht ganz überraschend finden sich unter den Kontaktschuld-Fabrikanten ausgerechnet jene, die ihre Moral stets wie eine Goldmedaille zur Schau tragen; dient es der eigenen Sache, ist der unmoralische Umgang mit dem Gegner moralisch jedoch vertretbar.

Das Reizvolle an dieser Einschüchterungstaktik ist ja, dass sie funktioniert. Man braucht nur laut genug «Applaus von der falschen Seite!» zu rufen, und schon ziehen sich massenweise Menschen von öffentlichen Debatten zurück. Ungünstig ist das, weil dadurch Stimmen aus der gesellschaftlichen Mitte fehlen, die auf legitime Schwachstellen bei bestimmten Theorien hinweisen, oder wichtige Themen gar nicht mehr angesprochenen werden aus Angst, dass es einer «falschen» Gruppe helfen könnte. Das Kontaktschuld-Geraune wird auch benützt, um sich die Themenhoheit zu sichern und die eigenen Ansichten unangreifbar zu machen.

In Deutschland ist die Abneigung an redlich geführten Debatten besonders hartnäckig. Alice Schwarzer wird vorgeworfen, den extremen Rechten «Argumente zu liefern», weil sie in ihrem Buch über sexuelle Übergriffe von Flüchtlingen schrieb. Die Frauenrechtsorganisation Terres des Femmes «spielt Fremdenhassern in die Hände», weil sie die Unterdrückung der Frau in bestimmten islamischen Ländern anprangert. Auch der Linken Sahra Wagenknecht wird Nähe zu den Rechten unterstellt, sie hat es gewagt, die Flüchtlingspolitik der Regierung zu kritisieren: «Lob von der AfD: Wie links ist Sahra Wagenknecht?», fragt der Tagesspiegel.

In zeitgenössischen Diskussionen wird der Kontaktschuld-Vorwurf häufig auf Rechte gewälzt, aber es funktioniert in alle Richtungen. Erwähnt man etwa das hohe Fieber nach dem Corona-Booster, ist das «Futter für Impfgegner». Den modernen Feminismus sollte man besser nicht kritisieren, damit stellt man sich in eine Reihe mit Frauenfeinden. Und Achtung! Hält man traditionelle Werte wie Familie hoch, macht man sich womöglich zum «Steigbügelhalter» für Ultrakonservative. In dem Sinne werde ich künftig nicht mehr über Frauenwitze lachen, um nicht Sexisten in die Hände zu spielen. Autofahren nicht mehr mit Freiheit verbinden, um Klimaleugnern keine Argumente zu liefern. Ungesunde Lifestyles nicht mehr kritisieren, um kein falsches Zeichen für fat shaming zu setzen. Dass männliche Vorgesetzte mich stets fair behandelt haben, dazu werde ich weiterhin stehen. «Mit dem Patriarchat kuscheln» nennt sich das zwar an der Hochschule für angewandte Kleingeistigkeit, aber ich sag’s mal so: Lieber kuschelig als gar kein Rückgrat.

Der Anschuldigung vollkommene Gleichgültigkeit entgegenzubringen, ist eine gute Antwort – und sie als das zu erkennen, was sie ist. Aber eine Aktion löst fast immer eine Gegenreaktion aus; niemand mag es, wenn man ihm ein schlechtes Gewissen macht. Und noch viel weniger behagen einem Schuldvorwürfe, wenn man nichts Falsches getan hat. Es ist kein ungefährlicher Weg, denn so bringt man Leute gegen sich auf – denen man dann wiederum vortrefflich «Hass und Hetze» vorwerfen kann.

Wer meine Arbeit schon länger verfolgt, weiss, dass ich mit radikalen Menschen oder Gruppen nichts am Hut habe. Aber ja, ich vertrete Standpunkte, die in bestimmten Lagern mitunter auf Anklang stossen. Und jetzt? Entweder ist mein Argument valid oder nicht. Nach dem Vorwurf tat ich, was man in so einer Situation tut, ich schreibe an einem neuen Youtube-Sketch, der die geistige Gewandtheit der Kontaktschuld-Konstrukteure maximal zur Geltung bringt. Das ist noch immer der bewährteste Weg.

 

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