Thomas Wagner: Abenteuer der Moderne. Die grossen Jahre der Soziologie 1949–1969. Klett-Cotta. 336 S., Fr. 39.90
Die frühen Jahre der Bundesrepublik werden gerne nach dem Muster «Durch Nacht zum Licht» gedeutet: In eine düstere Restaurationsepoche hinein sei das strahlende Licht der Studentenbewegung und der Frankfurter Schule gefallen und habe eine intellektuelle Neugründung der Bundesrepublik bewirkt.
Thomas Kuhlenbeck
Ganz so war es nicht, und wie es war, zeigt Thomas Wagner in seinem Buch. Das Fach Soziologie nahm in diesen Jahren einen rasanten Aufschwung: Um 1960 gab es in Deutschland rund sechzig universitäre Sozialwissenschaftler auf allen Hierarchieebenen; zehn Jahre später waren es fast zehnmal so viel.
Wertschätzung Stalins
Diese vormalige Randdisziplin schickte sich gerade an, die Deutungshoheit über die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in der Bundesrepublik zu gewinnen. Auch in diesem akademischen Feld gab es einen Schattenkampf im Hintergrund – um die Meinungsführerschaft und selbstverständlich um Lehrstühle und Funktionärsstellen in den konkurrierenden soziologischen Fachgesellschaften.
Von diesen akademischen Üblichkeiten weiss Wagner einiges zu erzählen. Interessanter ist aber die Oberfläche: die Beziehung zwischen Arnold Gehlen und Theodor W. Adorno. Der eine hatte als junger NS-Professor eine schöne Karriere gemacht, der andere war 1949 aus dem amerikanischen Exil nach Frankfurt zurückgekommen. Die beiden lernten sich auf Initiative Adornos 1959 persönlich näher kennen. Sie blieben bis zu Adornos Tod 1969 in kollegialem, zeitweise freundschaftlichem Kontakt.
Ungeachtet der extrem unterschiedlichen Biografien stehen sich die beiden fast gleichaltrigen Philosophen in ihrer Einschätzung der aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse gar nicht so fern, und ihre Diskussionen werden in keiner erkennbaren Weise durch politische Vorbehalte getrübt. Einig waren sie sich im grundsätzlichen Befund: In der modernen Gesellschaft spielen Institutionen eine zentrale Rolle. Aber Gehlen sah in Institutionen einen schlechterdings unverzichtbaren Stabilitätsgaranten sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft – den Institutionen gehört der Vorrang vor den Bedürfnissen des Einzelnen.
Adorno hingegen sah das Thema gewohnt dialektisch: Institutionen sind notwendig – erstaunlicherweise hebt er besonders die Familie hervor –, zugleich aber engen sie ein, führen zur Entfremdung, und deshalb muss ein ständiger emanzipatorischer Kampf gegen sie geführt werden. Über solche Fragen konnten sich die beiden Herren in gepflegter Gesprächsatmosphäre in Medien mit grosser Reichweite, im Radio und Fernsehen, austauschen. Einige dieser Gespräche finden sich heute im Internet.
Dissens herrschte auch über die Aufgabe der Soziologie: Für Gehlen war sie eine Wirklichkeitswissenschaft, die konkrete gesellschaftliche Probleme bearbeitet; für Adorno war sie eine gesellschaftskritische Reflexionswissenschaft. Das waren klare Fronten, über die man sich verbindlich verständigte. Unter den Schülern waren die Grenzen fliessend: Helmut Schelsky stand den neuen Entwicklungen offener gegenüber und entfremdete sich von seinem Lehrer und Freund Gehlen nach dessen polemischem Buch «Moral und Hypermoral», bis er selbst zum Opfer eines auch gegen seine Familie gerichteten studentischen «Psychoterrors» wurde. Jürgen Habermas konnte sowohl Gehlens wie Schelskys anthropologischen Positionen einiges abgewinnen, ohne ihnen grundsätzlich zuzustimmen.
Wechselseitige Neugierde
In dieser Diskussion gab es zudem einen Zaungast, dem Wagner viel Raum widmet: den sonderbaren Mauertänzer und dissidenten DDR-Philosophen Wolfgang Harich. Harich hatte acht Jahre im DDR-Gefängnis gesessen und wollte trotzdem von diesem Staat nicht lassen. Er versuchte der westdeutschen Diskussion etwas abzugewinnen, was dem Aufbau des Sozialismus dienlich sein könnte. Dabei suchte er, das ist die Pointe, Anschluss nicht etwa an den Marxismus-affinen Adorno, sondern beim ehemaligen NS-Professor Arnold Gehlen, mit dem er im freundschaftlich-kollegialen Austausch stand. Gemeinsam war ihnen nicht zuletzt die – freilich nur privat bekundete – Wertschätzung Stalins.
Faszinierend erscheinen im Rückblick die Bonhomie, mit der die beiden älteren Herren Adorno und Gehlen miteinander umgehen, und die wechselseitige Neugierde, mit der die ideologischen Antipoden Gehlen und der zwei Jahrzehnte jüngere Harich einander begegnen.
Die Vergiftung des Gesprächsklimas durch Cancel-Culture-Praxis und durch staatsanwaltlich unterstützte «Hass und Hetze»-Denunziationen auch im akademischen Feld sind Errungenschaften der neueren Zeit. Wagners Blick auf diese untergegangene Gesprächs- und Wissenschaftskultur ist anekdotisch gesättigt, das macht das Buch gut lesbar; und es ist vorurteilsfrei, das macht es wertvoll.

