Ihre blauen Augen leuchten mit dem Himmel um die Wette. Strahlend ist der Tag, hell der Moment, schön die Zukunft. Dieses Mädchen lebt in der glücklichsten aller Welten, die das Leben für es vorgesehen hat – in der Kindheit. So will uns der Maler glauben machen. Und wir glauben ihm nicht.
Nichts stimmt mit diesem Kind, kein einziges Detail. Die Ärmchen schlank statt pummelig, die Handgelenke die einer jungen Dame, dem Gesicht fehlen die pausigen Bäckchen, die Nase stammt von einer juvenilen Kleopatra, die Augen haben den Ernst, als hätten sie schon den bitteren Stoff des Lebens getrunken. Als der deutsche Maler Alex Seele (1849–1922) dieses «Lesende Mädchen» porträtierte, malt ...