Blitzkrieger, Blindflieger
Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Abonnemente
Jedes Abo eine Liebeserklärung an die Meinungsvielfalt.
AboDigital
Für alle, die Online lesen wollen
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
AboPrint & Digital
Printausgabe & digital jederzeit dabei
Wöchentliche Printausgabe
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
Sind Sie noch nicht überzeugt? Details zu den Abos
Die Weltwoche

Blitzkrieger, Blindflieger

Editorial

Blitzkrieger, Blindflieger

Denn sie wissen nicht, was sie tun. Oder doch? Trump und Netanjahu im Treibsand des Nahen Ostens.
Anhören ( 9 min ) 1.0× +
Blitzkrieger, Blindflieger
Blitzkrieger, Blindflieger
0:00 -0:00
1.0×
100%
Mehr ▾

Nun also sind drei Wochen vergangen, seit die Amerikaner und die Israeli mit einem Enthauptungshandstreich mehrere iranische Spitzenpolitiker, darunter das geistliche Staatsoberhaupt Chamenei, brutal ermordet haben. Der Krieg am Golf allerdings ist nicht vorbei, und von aussen ist nicht sichtbar, wie ihn die Angreifer gewinnen wollen.

Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved.
Noch kann es glimpflich ausgehen: Trump (r.) mit Netanjahu.
Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved.

Die Medien diagnostizieren seitens der Regierung in Washington einen erschütternden Mangel an strategischer Klarheit. Was sind die Kriegsziele des amerikanischen Präsidenten? Wie soll es nun weitergehen? Die USA und Israel verkünden, die iranische Militärmacht weitgehend ausgemerzt zu haben, doch die Gegenwehr hält an.

 

Nadelöhr des Weltwohlstands

Was bringt es, wenn die Marine, die Luftwaffe und Teile des Heeres mehr oder weniger kampfunfähig geschossen werden, solange die Staatsführung in Teheran noch immer und weiterhin in der Lage ist, die Strasse von Hormus, dieses Nadelöhr des Weltwohlstands, unter einem Raketenregen und mit Minen lahmzulegen?

Die Ironie des Krieges will es, dass die wenigen Tanker, die jetzt unbeschadet durch die Meerenge kreuzen, oft iranischen Ursprungs sind. Die Amerikaner und Israeli lassen sie passieren, wohl auch deshalb, weil sie befürchten, dass bei einem Beschuss die Mullahkratie ihrerseits den Krieg auf andere Energieanlagen am Golf ausdehnen wird.

Ist es Verzweiflung oder Pragmatismus, dass der amerikanische Staatschef jetzt seine Verbündeten anruft, Kriegsschiffe in den Nahen Osten zu verschieben? Die Frage muss gestellt werden, was genau sie dort eigentlich bezwecken sollen. Die Iraner werden sich von einer Westarmada kaum stoppen lassen, ihre Drohnen und Raketen abzufeuern.

Jeder Sportler erfährt im Moment des Anpfiffs: Auch mein Gegner hat einen Plan. Die Idee, dass man die eigene Strategie einfach unbehelligt durchziehen kann, widerspricht der Erfahrung jedes Wettkampfs. Schlage ich meinem Gegenüber ins Gesicht, wird er zurückboxen – meist dorthin, wo ich es nicht erwarte.

 

Das Reduit der Mullahs

Das tun die Iraner. Wie einst die Schweizer mit ihrem Reduit am Gotthard an einer für Europa schmerzempfindlichen Durchgangsachse konzentrieren sie ihre Kampfkraft und Zerstörungsenergie auf eine allerdings weltweit pulsierende Schlagader des Transportverkehrs von Rohstoffen wie Öl, Gas, Dünger und Aluminium.

Es scheint, als würden die von ihren Gegnern unterschätzten Theokraten die Supermacht und ihren Verbündeten in einen fürchterlichen Zermürbungskrieg verwickeln. Während die USA und Israel den Iran in Grund und Boden bomben, barbarisch, legen es die Terrorgarden Teherans darauf an, die Weltwirtschaft ins Mark zu treffen.

Wer hält länger durch? Strategieexperten – man findet allerdings fast zu jeder These einen – glauben, schon Anzeichen amerikanisch-israelischer Erschöpfung zu erkennen. Anscheinend ziehen die USA Patriot-Raketen aus Asien ab, um sie am Golf einzusetzen. In Israel frage man sich, wie lange die Arsenale für den «Iron Dome» noch reichen.

 

«Omaha-Beach» im Nahen Osten

Trump trat an, die «dummen Kriege» seiner Vorgänger entweder zu beenden oder gar nicht erst anzufangen. In der Ukraine versagt er an seinem ersten, im Iran möglicherweise an seinem zweiten Ziel. Bereits ist die Rede davon, Bodentruppen zu entsenden. Düstere Szenarien materialisieren sich: Vietnam, Irak? Oder Schlimmeres?

Der amerikanische Oberbefehlshaber lässt durchblicken, seine Elitetruppen, die Marines, auf Irans Ölinsel Kharg landen zu lassen, ein mikroskopisches D-Day-Manöver, rund zwanzig Kilometer von der iranischen, aber über hundert Kilometer von der saudi-arabischen Küste entfernt, eine Art «Omaha Beach» des Nahen Ostens.

Die Operation wäre ein Rasierklingenritt. Wie wollen die Amerikaner mit ihren amphibischen Gefährten die Meerenge von Hormus überwinden? Ist der Plan, die Truppen landgestützt einzuschiffen oder sie mit Luftlandeeinheiten abzusetzen? Und selbst wenn es gelingt: Was bringt die Eroberung und wo schlägt Teheran zurück?

 

Weltweite Rezessionslawine?

Die Iraner werden weiterhin ihre gewaltigen ballistischen Reservoire verfeuern. Drohnenschwärme aufsteigen lassen, mit Seeminen die Meeresstrasse unbefahrbar machen. Ihre Strategie ist es, eskalierende Zerstörung zu verbreiten, eine weltweite Rezessionslawine zu entfesseln, die Trump und Netanjahu unter sich begräbt.

Die Mullahs folgen einem aus ihrer Sicht smarten Kalkül. Ihre Rundumattacken auf arabische Ziele und US-Basen am Golf wirken nur auf den ersten Blick erratisch. Indem sie die Golfregion in Brand setzen, treiben sie einen Keil zwischen Araber und Amerikaner, die als Sponsor Israels und Ursache des Infernos an den Pranger kommen.

Ihr grosser Hebel aber ist die Weltwirtschaft. Mit dieser Brechstange wollen sie die Regierung in Washington zu Boden ringen, den Blitzkrieger Trump als Blindflieger demütigen, ihre Angreifer bestrafen und alle, die mit ihnen im Bunde stehen. An ihrer Entschlossenheit sollte niemand zweifeln.

 

Pulverfabrik voll brennender Fackeln

Es wäre vermessen, die seelischen, religiösen und politischen Abgründe, die explosiv lodernden Lavaströme in den Bewusstseinsschichten der Völker dieser seit Ewigkeiten umkämpften Region von der Zuschauertribüne aus vermessen zu wollen. Tatsache ist, dass die USA und Israel Gegenkräfte weckten, denen sie kaum Herr zu werden drohen.

Umgekehrt zeichnet sich das iranische Glaubensregime durch eine je nach Blickwinkel heroische bis selbstmordattentäterische Komponente aus. Die Schiiten berufen sich auf einen Nachfahren des Propheten, der, seiner Ansprüche beraubt, als Märtyrer starb. Diese Todesverachtung scheint in den Schia-Kriegern bis heute nachzuwirken.

Noch allerdings ist es möglich, dass die Planer des Westens recht behalten. Einige hoffen darauf, dass der unterdrückte Volkszorn, der Freiheitsdrang der geknechteten Iraner sich dank den US-Bomben Bahn bricht. Ähnlich fromme Wünsche begleiteten die amerikanischen Offensiven im Irak.

Was aber, wenn passiert, was sich oft ereignet, wenn Granaten auf Dörfer und Städte regnen? Anstatt die Despoten abzustechen, scharen sich die Untertanen unter den Fahnen der Regierung. Erst recht, wenn die Befreier mit ihren Bomben nicht militärische Ziele, dafür zum Beispiel eine Mädchenschule treffen.

Der Nahe Osten ist ein eigenwilliges Gelände, biblisches Schlachtfeld der Religionen seit Jahrtausenden, ein Flickenteppich von Stämmen und Nationen, die weder vergeben noch vergessen können, eine ewige Pulverfabrik, in der zu viele Irre, auch solche aus dem Westen, mit brennenden Fackeln herumlaufen.

 

Netanjahus Atomwaffenkeule

Trumps ursprüngliches Kriegsziel bestand darin, mutmassliche iranische Atomwaffenprogramme auszuschalten. An den Haaren herbeigezogen war das keineswegs, denn die Mullahkratie verfügt über angereichertes, bald atombombenfähiges Material plus weitreichende Trägerraketen.

Dass man dies in Israel, aber auch in den mit Israel alliierten USA mit Alarm und existenziellen Befürchtungen zur Kenntnis nahm, lässt sich nachvollziehen. Die Frage allerdings stellt sich, ob nicht gerade dieser sich gefährlich ausweitende Krieg die Wahrscheinlichkeit einer iranischen Bombe dramatisch vergrössert.

Russlands Aussenminister Lawrow sagt es deutlich: Jetzt müssen Staaten, die befürchten, auf die Abschussliste der Amerikaner oder der Israeli zu kommen, sich erst recht Atombomben zulegen, denn sobald sie im Besitz solcher Waffen sind, werden sie die Amerikaner nicht mehr angreifen.

Pessimisten schildern schon den Worst Case: Sollte sich der Iran-Krieg für Israel und die USA zu einem Debakel auswachsen, könnte Netanjahu aus dem Gefühl heraus, sein Staat sei nun wirklich existenziell bedroht, versucht sein, Nuklearraketen einzusetzen. Dann wäre das Tor zur Hölle aufgestossen, das absolute Horrorszenario.

An einer Medienkonferenz dementierte Trump solche Planspiele. Doch Kriege haben ihre eigene Logik, und die Liste westlicher Fehlschläge im Wüstensand ist lang. Die Sympathisanten Israels müssen hoffen, dass auch Premier Netanjahu seiner Sache nicht mehr schadet, als nützt. Weltweite Antisemitismuswellen zeugen vom Gegenteil.

 

Grösstes Debakel seit Vietnam?

Ist Trump im Begriff, den USA die grösste militärische Niederlage seit Vietnam einzubrocken und der Welt eine fürchterliche Rezession, wenn nicht noch Schrecklicheres? Vorsicht. Bei diesem Politiker, den man genau so wenig unterschätzen darf wie die Mullahs, weiss man nie. Bis jetzt überlebte Trump alles. Auch dies?

Macht ist ein gefährlicher Rausch. Nach dem Attentat von Pennsylvania, das er in der Pose eines athenischen Helden überstand und dabei auch seinen Kritikern imponierte, hob Trump zu einem Höhenflug ab. Alles schien ihm zu gelingen, die Wiederwahl, die Zölle, dann das erste Iran-Bombardement, schliesslich Venezuela.

Während Putin, der als eiskalter, überlegter Stratege galt, mit seinen schwerfälligen Regimentern im Morast der Ukraine steckenblieb, tänzelte Trump von einem Blitztriumph zu nächsten. Der Russenzar, spotteten seine Kritiker, habe sich komplett verkalkuliert, den Gegner unter-, sich selber überschätzt. Kommt einem bekannt vor.

 

Im Lazarett mit Putin

Nun findet sich Trump im gleichen Lazarett gescheiterter Erwartungen wieder. Wie Putin hoffte wohl auch er, schon der Aufmarsch seiner Soldateska werde die Feinde in die Flucht schlagen. Doch die Iraner, die das Bombardement vom letzten Juni fast widerstandslos geschluckt haben, feuern nun umso vehementer zurück.

Auch dieser Krieg zeigt, dass auf «Völkerrecht» und militärische Allianzen kein Verlass ist. Nationale Interessen zählen. Ausgerechnet die EU und die Deutschen, die Trump bei Grönland mangelnde Nato-Solidarität vorgeworfen haben, lassen den Präsidenten, der sie grollend um Beistand am Golf bat, nun tatsächlich hängen. Heuchler vor dem Herrn.

Noch kann es glimpflich ausgehen. Aber auch nicht unwahrscheinlich ist, dass dieser Krieg das tragische Gegenteil von dem bewirkt, was ursprünglich sein Ziel gewesen ist: Die Weltwirtschaft bricht ein, die Mullahs bleiben an der Macht, gestärkt und unbesiegt, holen sich die Bombe, entzweien Araber und Amerikaner, stutzen Israel zurück.

Wir Schweizer können dieses Unheil weder entscheiden noch beenden. Wir sind auch nicht die Schiedsrichter über Wahrheit und Moral. Seien wir dankbar, dass uns Entscheidungen erspart bleiben, wie sie Trump und Netanjahu treffen müssen. Wir können dafür sorgen, Fehler zu vermeiden: Beweglichkeit ist Trumpf, Fluchtwege offenhalten, keine Allianzen. Sie bringen keinen Schutz, nur Krieg und Gefahr.

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 31.03.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.