Böses Patriarchat
Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Abonnemente
Jedes Abo eine Liebeserklärung an die Meinungsvielfalt.
AboDigital
Für alle, die Online lesen wollen
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
AboPrint & Digital
Printausgabe & digital jederzeit dabei
Wöchentliche Printausgabe
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
Sind Sie noch nicht überzeugt? Details zu den Abos
Die Weltwoche

Böses Patriarchat

Tamara Wernli

Böses Patriarchat

Das Männersystem hatte seine Fehler, hat aber uns Frauen auch frei gemacht.

Wäre die Zivilisation den Frauen überlassen geblieben, wir lebten noch immer in Schilfhütten. Eine Frau kann sich heute, wenn sie sich einen Helm überstülpt, in ein von Männern erfundenes Vorstellungssystem einklinken. Es ist heuchlerisch, wenn Feministinnen über den Kapitalismus herziehen, während sie dessen Annehmlichkeiten geniessen.» Die amerikanische Autorin Camille Paglia ist eine der wenigen Intellektuellen, die den Feminismus kritisieren. In «Die Masken der Sexualität» zählt sie die pauschale Abscheu gegen das Patriarchat zu dessen nervtötendsten Auswüchsen – schliesslich sei es genau diese «patriarchale Gesellschaft», die sie als Frau frei gemacht habe. Bei den Schilfhütten bin ich mir nicht sicher. Aber wer das Patriarchat verteufelt und gleichzeitig dessen Errungenschaften geniesst, hat das System vielleicht nicht ganz durchschaut.

KEYSTONE/Ennio Leanza
Zwei Festivalbesucher geniessen die ersten Sonnenstrahlen ueber der Zeltstadt am Openair St
KEYSTONE/Ennio Leanza

Es ist 2025 – und Frauen sind an der Macht: In Island, Mexiko, Lettland oder Italien stellen sie die Regierungschefinnen. In Deutschland wurden zuletzt mehr Frauen als Männer in Vorstände berufen. Sie führen Konzerne, Universitäten, Behörden. In vielen Paarhaushalten haben die Damen die Hosen an. Und dennoch: Für viele ist es zum Hobby geworden, das Patriarchat für alles Negative auf der Welt verantwortlich zu machen; dieses nebulöse Konstrukt, das angeblich einzig dem Zweck dient, Frauen zu unterdrücken. Toxisch, repressiv, kapitalistisch. Die Chefin der Grünen Jugend in Deutschland, Jette Nietzard, sagte kürzlich bei Watson: «Sowohl der Kapitalismus als auch das Patriarchat beruhen auf Ausbeutung.» Frauen müssten «mittelmässige Männer strukturell ausnehmen, um erfolgreich zu sein». Unter dem Hashtag hFuckThePatriarchy kursieren unzählige Videos: «Das Patriarchat will uns einreden, dass wir zu emotional sind.» Oder: «Das Patriarchat will uns eintrichtern, dass wir nicht hübsch aussehen.» «Für Gerechtigkeit und gegen alle patriarchalen Strukturen, die uns als Frauen kleinhalten!»

Was fehlt, ist oft nicht Gleichberechtigung – sondern Selbstbewusstsein.

Wirklich? Wer genau hält dich klein, wer hindert dich an deiner Verwirklichung? Diese Aussagen beschreiben eine Realität, die längst überholt ist. Wir leben nicht mehr im Patriarchat. Ja, es gibt Männer, die sich Frauen als schmückendes Beiwerk wünschen oder sie als hormongesteuert belächeln, auch solche, die in ihren Familien patriarchale Strukturen streng ausleben. Aber das ist nicht die Norm. Auch gewisse patriarchale Denkmuster existieren weiter, aber daran sind nicht nur Männer schuld. Wenn Frauen sich am Arbeitsplatz oder im Alltag abwertend behandelt fühlen und darauf mit Passivität reagieren, verfestigen sie diese Muster ungewollt selbst. Wer sich bevormundet oder kleingehalten fühlt, darf ruhig Kontra geben: «Hey Bürschchen, lass es stecken.»

Dass die Gesellschaft in vielen Aspekten männerdominiert war, ist unbestritten. Aber das war keine böswillige Verschwörung gegen Frauen; vieles ergab sich aus den unterschiedlichen Geschlechterrollen. Frauen waren immer Teil der Gesellschaft – nicht Opfer eines Masterplans. Sie erwarteten auch von Männern, dass diese in den Krieg ziehen, Holz hacken, das Heim schützen. Das System hatte Fehler, es musste modernisiert werden, die Gesellschaft wandelt sich. Doch sehen viele nur die Schwächen, dabei hat das System Errungenschaften hervorgebracht, von denen beide Geschlechter profitieren. Das Patriarchat hat auch mir die Freiheit geschenkt, unabhängig zu sein. Nicht direkt, aber es hat die Grundlage gelegt für Entwicklungen – von Infrastruktur über Technik bis zur Pille –, auf der Frauen sich aus der Abhängigkeit der Männer befreien und selbst entscheiden konnten, wie sie ihr Leben gestalten wollen.

 

Indem man ständig auf das blickt, was Männer tun, haben oder sagen, erhebt man sie zum Mass aller Dinge. Weibliche Lebensentwürfe werden daran gemessen – als wäre der männliche Weg automatisch der bessere. Spoiler: Ist er nicht. Viele Frauen wollen ihn gar nicht gehen. Und das ist gut so. Statt ständig gegen ein selbsterschaffenes, undifferenziertes Feindbild zu kämpfen, wäre es zielführender, die eigene Stärke herauszustellen: selbstbestimmt, klug, unabhängig. Wer Frauen als wehrlose Patriarchatsmarionetten darstellt, spricht ihnen genau das ab. Was fehlt, ist oft nicht Gleichberechtigung – sondern Selbstbewusstsein im Umgang mit Widerständen.

 

Folgen Sie unserer Autorin bei Youtube@LadyTamara

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 01.04.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.