Das Ende von netto null
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Die Weltwoche

Das Ende von netto null

Grüsse aus der Zukunft

Das Ende von netto null

Heute ums Jahr 2050 geht es der Welt blendend. Die Weltwirtschaft boomt, Strom ist dank den vielen neuen Kernkraftwerken so billig wie nie zuvor. Und fast überall blühen Demokratie und Freiheit auf – oft dank neuen freien Stadtstaaten. Beispiele sind Gaza, Krim, Sansibar und Mombasa. Zwar ist die Welt sehr weit weg von Netto-null-CO2, aber die Emissionen sinken überall. Die Klimapanik ist völlig verflogen. Die grosse Mehrheit glaubt, ihre Lebensqualität hänge weit stärker vom Wachstum von Wirtschaft und Freiheit als von der Erwärmung ab, deren Folgen weiterhin umstritten sind. Die erfolgreichsten neuen Stadtstaaten liegen in heissen Zonen in Asien und Afrika. Dank moderner Bautechnik und Klimatisierung sinken die Schäden durch Hitze, Wind und Niederschläge immer weiter – so wie seit Beginn der Industrialisierung.

KI-generiert für die Weltwoche
«Klimaabschottung».
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Neue Abhängigkeiten

Europa litt hingegen lange an seiner immer restriktiveren Netto-null-Politik. Diese erlag erst um 2040 ihrer Inkonsistenz. Ihre Vertreter kritisierten einerseits den grossen CO2-Fussabdruck der Schweizer und EU-Bürger. Dazu zählten sie neben dem in Europa emittierte CO2 auch das durch die Herstellung der Importgüter verursachte CO2, was den Fussabdruck etwa verdreifachte.

Andererseits zielte ihre Netto-null-Politik nur auf die Emissionen in der Schweiz und der EU und – noch schlimmer – auf die Emissionen einzelner Städte und Regionen. So brüsteten sich viele Zürcher, ihre Stadt sei als erste CO2-neutral geworden. Dabei lag das nur daran, dass CO2-intensive Produktions- und Konsumaktivitäten aufs Land und ins Ausland ausgelagert und der Fussabdruck aller in die Stadt transportierten Güter nicht mitgerechnet wurde. So verblendet, verlangten viele Städter von ganz Europa immer schnelleres Hinstreben zu netto null, weshalb immer mehr Produktions- und Konsumtätigkeiten aus der EU ausgelagert wurden. So wurde die EU immer abhängiger von Asien und Afrika, wo die Europäer als «Klimaheuchler» galten.

Die EU versuchte schon in den 2020er Jahren, die Nachteile ihrer scharfen Klimapolitik für ihre Wirtschaft mit ihrem sogenannten Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) auszugleichen. Importe aus Ländern mit einer weniger strikten Klimapolitik wurden mit einem Klimazoll belegt. Viele meinten, dies gäbe den ausländischen Regierungen Anreize, die CO2-Emissionen in ihren Ländern ähnlich zu bekämpfen wie in der EU. Das aber funktionierte nicht. Denn die Klimazölle belasteten nicht die ausländischen Produzenten, sondern die europäischen Konsumenten. Weil dies jedoch den klammen europäischen Regierungen und den wenig effizienten Produzenten gefiel, erhöhten sie alsbald die Klimazölle, was Europa umfassenden «Klimaprotektionismus» brachte.

Zudem wurde die weitere Reduktion der CO2-Emissionen umso teurer, je näher die Schweiz und Europa an netto null kamen. Deshalb wurde ab etwa 2030 intensiv diskutiert, dass ja jeder Zuwanderer in die Schweiz und die EU zusätzliche Emissionen verursacht, die zu immer höheren Kosten zu Lasten der Allgemeinheit eliminiert werden mussten. Bald vertraten manche Linke und Grüne neben dem Klimaprotektionismus auch noch die «Klimaabschottung».

Nach epischen, aber unergiebigen Diskussionen im Parlament wurden 2038 in der Schweiz drei Volksinitiativen zum Abbruch der Netto-null-Politik und des Klimaprotektionismus sowie für die Lenkung der Zuwanderung mit einer Aufenthaltsabgabe für Neuzuwanderer eingereicht. Nachdem diese vom Volk hoch angenommen wurden, begann auch in Deutschland und dann in der ganzen EU eine Umbesinnung, die Europa vor dem Niedergang rettete.

 

Reiner Eichenberger ist Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Fribourg und Forschungsdirektor von CREMA – Center for Research in Economics, Management and the Arts.

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