Das Leben besiegt den Tod
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Das Leben besiegt den Tod

Das Leben besiegt den Tod

Die CS ist tot, lange lebe die CS. Der Zufall wollte es so. Ausgerechnet vor Ostern fand die letzte Generalversammlung der eben untergegangenen Schweizer Grossbank Credit Suisse statt. Das Begräbnis ereignete sich im Zürcher Hallenstadion. Tausende von Aktionären waren da, vereint in Trauer, Verstörung, Empörung und, vielleicht, auch ein bisschen Selbstgerechtigkeit angesichts des menschlichen Versagens, das diesem altehrwürdigen Schweizer Unternehmen ein so schmähliches Ende bereitet hatte, ein Versagen, dem sie, die Aktionäre, die Eigentümer, viele voller Zorn gegen die früheren Manager, selber wohl viel zu lange zugesehen hatten, anstatt früher und beherzter einzugreifen. Oder die Aktien einfach abzustossen.

Das Leben besiegt den Tod

Die CS ist tot, aber eigentlich lebt sie ja noch, eine Untote, ein Zombie-Unternehmen. Im «Eco Talk» des Schweizer Fernsehens wunderte sich Moderator Reto Lipp in einem guten Interview mit Martin Schlegel, dem Vizepräsidenten der Schweizerischen Nationalbank, dass die CS seit der Ankündigung der Zwangsheirat mit dem ewigen Konkurrenten UBS in fast gespenstischer Normalität einfach weiterexistiere. Die Vermögensabflüsse seien gestoppt, die Bank erfülle ihre Pflichten, mache ihre Geschäfte – ganz so, als ob überhaupt nichts gewesen wäre. Ist es überhaupt noch notwendig, die CS in der UBS einzusargen? Warum lässt man die CS, nachdem die Blutung gestoppt worden ist, nicht als Traditionsbank weiterleben?

Ohne diesen Urknall des Geistes wären die Menschen Sklaven ihrer selbst geblieben.

Wirtschaftswissenschaft ist der Versuch, die Irrationalität des Menschen berechenbar zu machen. Der Versuch kann gelingen, sonst würden Ökonomen im Durchschnitt nicht deutlich mehr verdienen als Psychologen oder Historiker. Uns allerdings berühren die Vorgänge um die CS vor Ostern für einmal weniger als wirtschaftliches, sondern vielmehr als theologisches Phänomen, denn der Untergang der Credit Suisse ist gleichzeitig ihre Rettung, ihre Auferstehung zu einem neuen Leben in einem anderen. Nichts hätte die Bedeutung, die Unausweichlichkeit der tiefen Wahrheit von Ostern schöner und auch überraschender versinnbildlichen können als dieses politische Drama um eine Grossbank, die, angeblich unrettbar verloren, stirbt, um dann in einer anderen Bank wieder aufzuleben – zunächst sogar ohne sie.

An Ostern ist Jesus, der Sohn des christlichen Gottes, von den Toten auferstanden, etwas später dann zu seinem Vater in den Himmel gefahren. Wer das nicht glaubt, lautet eine Definition, ist kein Christ, wobei Glauben hier nicht den Besitz einer unumstösslichen Wahrheit meint, sondern das stets von Unsicherheit bedrohte, gefährdete, stolpernde, prekäre Vortasten in einem Raum absoluter Ungewissheit, in dem einen eben nur noch der Glaube trägt, rettet, davor bewahrt, ins Bodenlose abzustürzen. Halt lässt sich finden, wenn man sich der ungeheuren Provokation ausliefert, mit der das Christentum die Menschheit behelligt, bis heute vor den Kopf stösst: Das Leben triumphiert über den Tod, die Existenz über das Nichts.

Das Leben besiegt den Tod. Es gibt etwas. Es gibt nicht einfach nur nichts. Diese Einsicht in das unfassbare Geschenk des Lebens ist der Urknall im Universum des menschlichen Geistes, die täglich erlebte Widerlegung der Ahnung, des tierischen Instinkts, dass der Tod das letzte Wort hat, das unausweichliche Schicksal ist. Nein, nicht der Tod und die Angst vor ihm regieren die Welt. Es ist das Leben, das aus dem Tod hervorgeht, das Licht im Dunkel, der Anbruch eines jeden Tages. Neues Leben blüht aus den Ruinen. Das ist die Kühnheit, die Sprengkraft des Gedankens: Der Mensch ist besessen von sich selbst und seiner Endlichkeit, dem Tod. Die Christen haben die Menschen befreit, vom Tod, von sich selbst. Darin lag, darin liegt die Provokation. Deshalb wurden die frühen Christen, die grössten Freiheitskämpfer aller Zeiten, jahrhundertelang auf das Übelste verfolgt.

Das ist nicht überraschend. Wer die Macht des Todes bricht, hebt den Menschen über sich, über sein Leben, über die Beschränktheiten und Zwänge des irdischen Lebens hinweg. Er öffnet ihn, macht ihn empfänglich für eine höhere Macht, eine höhere Sphäre, die Sphäre des Glaubens, die sich der menschlichen Herrschaft entzieht, auch dem Zugriff des Verstands, der sich alles unterordnen will. Frei ist der Mensch deshalb nur im Glauben, indem er darauf vertraut, dass die Urkraft des Lebens und der Liebe, genannt Gott, ihn trägt. Und umgekehrt: Ohne diese Revolution der Religion, ohne diesen Urknall des Geistes wären die Menschen Sklaven ihrer selbst geblieben, unterjocht von Herrschern, die sich für Willensvollstrecker ihrer Götter hielten.

Auferstehung heisst deshalb immer auch Dankbarkeit und Demut. Das Leben ist das grösste Geschenk. Wir haben es nicht verdient. Wir haben nichts dafür getan, es zu bekommen. Wer die Welt so sieht, läuft nicht Gefahr, sich mit dem lieben Gott zu verwechseln, den Glauben als Opium zu verwenden, als Aufputschdroge und Abkürzung zu höheren Gewissheiten. Der Glaube ist der grösste Feind des Wissens, der angemassten, dem Menschen stets zu Gebote stehenden Trugbilder und Fälschungen seines Verstandes. Im Glauben liegt eine tiefere Wahrheit als im Wissen. Das ist die Geschichte, die an Ostern erzählt und immer wieder erlebt wird. Auferstehung: Es ist das unerklärliche, fantastische Wunder des Lebens, das den Tod besiegt, das Nichts widerlegt und das den Menschen befreit hat von sich selbst, eine prekäre, allerdings stets bedrohte Freiheit, die, tief in uns drin, immer wieder neu errungen werden muss.

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