Im Zusammenhang mit einem modernen elektrischen Fahrzeug kann es etwas abgegriffen klingen, wenn davon die Rede ist, dass der Weg das Ziel und das Ziel der Weg ist. Aber der Beruf des Automobiltesters erlaubt es einem tatsächlich, irgendwo hinzufahren ganz allein um des Fahrens willen. Und weil wir, wie in diesem besonderen Fall, den Weg in einem neuen Polestar 4 zurücklegen, trifft der auf den chinesischen Philosophen Konfuzius zurückgehende Leitsatz tatsächlich zu: Das Unterwegssein in diesem Auto ist das Ziel an sich.
Die Ausgangslage für unseren Roadtrip sieht so aus: Drei autointeressierte Männer mittleren Alters fahren an einem frühen Samstagmorgen von Zürich über Flüelen nach Como und mit einem kleinen Umweg wieder zurück. Start ist um 6 Uhr, der Polestar 4 ist um diese Zeit natürlich vollgeladen, die Reichweite wird mit 470 Kilometern angegeben. Wir sind zu zweit losgefahren, auf dem Lidl-Parkplatz in Flüelen treffen wir den Fotografen. Es bleiben ein paar Minuten Wartezeit, und weil eine Ladestation einsam auf der Parkfläche steht, schliessen wir das Auto kurz an. Es ist eine empfehlenswerte Strategie, nicht zu laden, wenn man muss, sondern wenn man kann. Wir haben eine Ladekarte von Charge Now, die fast überall funktioniert, nur nicht hier in Flüelen. Nicht wegen der Karte, sondern weil die Ladestation plötzlich ausser Betrieb ist. Das kommt hin und wieder vor, ist aber kein verbreitetes Phänomen.
Allgemeines Wohlgefühl
Wir rollen leise weiter, und nach ein paar Kilometern auf der Gotthardautobahn herrscht harmonische Einheit bei der Meinung zur Frage, was vom Polestar 4 als Reisegefährt zu halten ist. Der mutig gezeichnete Crossover, der durch seine aus Gründen der Aerodynamik, des Raumgefühls und des Designs fehlende Heckscheibe auffällt, ist eine avantgardistische Mischung aus Coupé und SUV und, da sind wir uns einig, ein sehr hochwertiges Auto. Der Platz im Innenraum ist grosszügig, das luftige Ambiente wird verstärkt von einem durchgehenden Glasdach. Die Materialien, das skandinavische Design mit den ruhigen Linien und der hintergründig schimmernden Innenraumbeleuchtung tragen viel zum allgemeinen Wohlgefühl bei. Dazu kommen ein Fahrwerk, das auf möglichst viel Komfort ausgelegt ist, ein Bediensystem, das man nach wenigen Minuten intuitiv verstanden hat und technische Annehmlichkeiten wie ein gut funktionierendes Assistenzsystem für autonomes Fahren auf Level 2.
Auf 89 Prozent in dreissig Minuten
Wir fahren das Modell «Long Range Dual Motor», werden also angetrieben von zwei Elektromaschinen an der Vorder- und Hinterachse mit je 200 kW, was insgesamt 544 PS entspricht. Dieser Polestar 4 verfügt über Allradantrieb, und wenn man es darauf anlegen würde, wäre aus dem Stand in 3,8 Sekunden Tempo 100 erreicht, aber wir sind ja zum entspannten Vergnügen unterwegs mit dem Ziel, einen grau-feuchten Tag mit etwas mediterraner Leichtigkeit zu verschönern.
Auf der Raststätte Bellinzona Nord ist es Zeit für eine Kaffeepause. Hier gibt es Schnellladesäulen von Ionity und frischgepresste Fruchtsäfte von Marché. Der Ladestand beträgt jetzt noch 56 Prozent, die Reichweite wird mit 239 Kilometern angegeben. An dieser Stelle sei noch ein Erfahrungswert geteilt: Die Wichtigkeit der Reichweite wird in aller Regel überschätzt. Hat man nicht den Weg als Ziel, weil im Alltag überwiegend das Ziel das Ziel ist, verliert dieser Wert stark an Bedeutung.
Drei Espressi, ein Aprikosen-Cornetto, einen Ingwer-Smoothie und dreissig Minuten später ist die Batterie wieder zu 89 Prozent geladen. Da wir spontan angehalten haben, war die Batterie nicht vorkonditioniert, das verlangsamt den Ladevorgang erheblich. Der Polestar 4 kann mit bis zu 200 kW laden, damit wäre es möglich, den Energiespeicher von 10 auf 80 Prozent in dreissig Minuten zu füllen, wenn alle Parameter – auch jene, die man als Fahrer nicht beeinflussen kann – stimmen.
Hier gibt es Schnelllade-Säulen von Ionity und frischgepresste Fruchtsäfte von Marché.
Ins Zentrum von Como ist es jetzt nicht mehr weit, unser Ziel ist der Mercato Coperto, eine bunte Markthalle mitten in der Stadt, wo zur Mittagszeit eifrige Betriebsamkeit herrscht. Es gibt hier schon den ersten grünen Spargel, rote Tropea-Zwiebeln und viele bunte Naturschönheiten aus dem Garten mehr. Metzger und Fischhändler haben viel zu tun, der Ort ist so italienisch, wie er nur sein kann, wenn man aus dem Deutschschweizer Nieselregen kommt. Das Wetter ist in der 80 000-Einwohner-Stadt zwar auch nicht viel besser, aber es fühlt sich hier alles etwas heiterer und unbeschwerter an.
Beim Erfinder der Batterie
Es klingt fast etwas zu gut, um wahr zu sein, aber wir essen tatsächlich später eine Pizza in der Nähe des Monuments zu Ehren von Alessandro Volta. Es wurde von Star-Architekt Daniel Libeskind entworfen, heisst «The Life Electric» und symbolisiert die beiden Pole einer Batterie. Das Vermächtnis des Physikers Volta, der von 1745 bis 1827 in Como gelebt und geforscht hat, besteht in der Elektrizitätslehre und der elektrischen Batterie, die er gewissermassen als Geschenk an die Menschheit hinterlassen hat.
Wir fahren weiter, ein Stück dem Comersee entlang auf engen Strassen, die veranschaulichen, dass der Polestar 4 ein durchaus grosses, aber vor allem ein optisch sehr präsentes Fahrzeug ist. Wo das strahlend weisse Coupé-SUV auftaucht, fällt es auf und sorgt für Aufmerksamkeit. Und weil wir alles können und nichts müssen, machen wir noch einen kleinen Umweg. Nur rund zwanzig Autobahnminuten entfernt liegt der 1959 erbaute Autogrill in Novara mit der markanten «Spinne», die sich über den Platz spannt. Hier wurde das Prinzip der Raststättenkette erfunden und als Symbol für den italienischen Wirtschaftsboom («miracolo economico») mit grosser Geste installiert.
Wir haben noch 214 Kilometer Reichweite (57 Prozent) und nutzen die Zeit für einen letzten Espresso vor der Heimfahrt zum Laden. Der Espresso kostet 1.40 Euro, der Preis für den Strom ist wie meistens bei Schnellladesäulen nirgends ersichtlich. Die Intransparenz vieler Stromanbieter ist eines der wenigen Ärgernisse, die E-Mobilität heute noch hat. 36 Minuten später ist die Batterie zu 86 Prozent voll, das reicht auch bei zügiger Fahrt problemlos für die Heimfahrt ohne Pause.
Es gilt ohnehin, dass Pausen Teil des Wegs sind, und wer sie an der Kaffeebar einer Raststätte in Norditalien verbringen kann, erlebt, sieht, hört und schmeckt genug, damit keine Minute davon als verlorene Zeit wahrgenommen wird.
Polestar 4
Long Range Dual Motor; zwei 200-kW-Permanentmagnetmotoren, Allradantrieb; Leistung: 400 kW/544 PS; Drehmoment: 686 Nm; 0–100 km/h: 3,8 sec; Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h; Reichweite: 590 km (WLTP); Ladeleistung (DC): 200 kW; Verbrauch: 18,7–21,7 kWh; Preis: ab Fr. 70 900.– ; Polestar 4 Long Range Single Motor ab Fr. 62 900.–

