Zu den aktuellen Herausforderungen für Hersteller von Nutzfahrzeugen gehört es, die Elektrifizierung voranzutreiben, um die politischen Vorgaben zu erfüllen. Im Fall des Ford-Konzerns geht es aber auch darum, als Unternehmen bis 2035 CO2-neutral zu werden, was Lieferketten und Produktion angeht.
Weltwoche: Wie unterschei-den sich die Bedürfnisse eines gewerblichen und eines privaten Kunden, wenn es um die Elektrifizierung der Fahrzeuge geht?
Claudia Vogt: Während ein privater Pkw leicht durch einen anderen Pkw ersetzt werden kann, ist das bei Nutzfahrzeugen schwieriger. Die Flotten sind meist genau auf die Bedürfnisse des Unternehmens abgestimmt, die Autos müssen immer zur Verfügung stehen, und es gibt viele Faktoren, die sich auf das Betriebsergebnis auswirken. Deshalb begegnen viele Gewerbe- und Flottenkunden der E-Mobilität noch skeptisch: Was passiert, wenn die Reichweite nicht ausreicht? Oder sie haben Probleme mit der Ladeinfrastruktur, weil sie keinen Betriebshof für eine Ladeinfrastruktur haben, sondern die Mitarbeiter nehmen die Fahrzeuge mit nach Hause.
Weltwoche: Wie begegnen Sie dieser -Skepsis?
Vogt: Es ist superwichtig, dass wir diese Kunden gut beraten, um ihnen Ängste zu nehmen. Wir bauen neben unseren klassischen Aussendienstteams auch ein Team auf, das bei den Themen Elektrifizierung und Digitalisierung die Kunden betreut. Dann schauen wir, wie die Kunden im Betrieb eine Ladeinfrastruktur aufbauen können oder ob für die Mitarbeiter Home Charger installiert werden können. Dann geht es um Software-Lösungen, damit der Strom zu Hause wirklich der Firma belastet wird, und um vieles mehr. Wir wollen dem Kunden zur Seite stehen. Das geht so weit, dass unsere Leute zum Energieanbieter mitgehen und abklären, ob der Stromanschluss ausreicht.
Weltwoche: Für gewerbliche Kunden ist der entscheidende Faktor für die Anschaffung eines neuen Fahrzeugs oft die «Total Cost of Ownership» (TCO), also die Gesamtkosten eines Autos inklusive Service, Unterhalt und Energie.
Vogt: Deshalb ist es für uns wichtig, zu Beginn abzuklären, was die Bedürfnisse des Kunden sind. Wenn das Fahrprofil so ist, dass er mehrmals täglich laden müsste, ist ein Plug-in-Hybrid vielleicht die bessere Variante. Und wenn er täglich mehrere hundert Kilometer fährt, ist es allenfalls doch ein Diesel. Dann macht man einen sorgfältigen Vergleich: Wie sind die Raten, wie viele Kilometer sind zu fahren, was kostet der Treibstoff oder Strom, gibt es eine Solaranlage auf dem Firmendach? Die Servicekosten sind beim E-Auto signifikant tiefer, und wenn die Fahrzeuge beispielsweise vor allem im innerstädtischen Bereich auf Kurzstrecken unterwegs sind, sind Dieselmotoren nicht ideal. Das schauen wir uns alles zusammen mit dem Kunden sehr detailliert an, um ihn optimal beraten und begleiten zu können.
Weltwoche: Wenn Sie auf die nächsten zehn Jahre blicken, worauf hoffen, womit rechnen Sie?
Vogt: Wenn wir uns etwas wünschen -dürften, wäre es: «Liebe Politik, bleib doch mal bei der Strategie, die einmal ausgerufen wurde.» 2035 ist Schluss mit Verbrennern, und jetzt schauen wir als europäische Automobilindustrie: Wie kommen wir dahin? Das bedeutet, wir machen die Fahrzeuge; da sind wir schon auf einem guten Weg. Und jetzt müssen auch die Rahmenbedingungen geschaffen werden. Da geht es um Lademöglichkeiten ohne viel Bürokratie – und nicht nur auf den Autobahnen, wir brauchen mehr Ladeinfrastruktur in den Städten, man muss vor der Haustür laden können. Da sind wir noch sehr weit davon entfernt.
Weltwoche: Das war die Wünsch-dir-was-Antwort . . .
Vogt: Ich hoffe, sie ist nicht zu weit von der Realität entfernt. Das Ziel bleibt in Europa, bis 2035 emissionsfrei zu werden. Auch wenn die EU 2025 keine Strafgebühren erheben wird, bleibt das Ziel der Elektrifizierung.
Weltwoche: Besteht nicht ein Widerspruch zwischen Elektrifizierung und der detaillierten Abklärung von Kundenbedürfnissen?
Vogt: Nein, die Qualität der Elektrofahrzeuge entwickelt sich weiter, die Reichweiten nehmen zu, die Kosten der Batterien -sinken. Darum ist es ja so wichtig, dass wir jetzt -keinen Strategiewechsel machen.

