Der Kulturkampf ist quicklebendig
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Die Weltwoche

Der Kulturkampf ist quicklebendig

Tamara Wernli

Der Kulturkampf ist quicklebendig

Heute entscheiden Online-Krieger, wer wen spielen darf – bye-bye, künstlerische Freiheit.
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Darf eine Nichtlatina eine Latina im Film spielen? Soll ein Nichtjude eine jüdische Rolle verkörpern, eine schwarze Schauspielerin eine Figur aus der griechischen Mythologie oder ein Heteromann einen Schwulen? Wenn Sie dachten, der Kulturkampf habe sich längst erschöpft, herzlichen Glückwunsch – Sie haben sich geirrt. Er blüht prächtig wie eh und je, und Hollywood ist sein neues altes Gewächshaus. Unter anderem.

Illustration: Fernando Vicente
Odessa A'zion arrives at the Oscars on Sunday, March 15, 2026, at the Dolby Theatre in Los Angeles
Illustration: Fernando Vicente

Die Schauspielerin Odessa A’zion («Marty Supreme») sass Anfang Jahr plötzlich auf der Internet-Anklagebank. Ihr Vergehen: Sie hatte eine Rolle «gestohlen». Ja, gestohlen. Die Rolle gehöre einer Latina. Der Vorwurf des whitewashing entzündete sich an der A24-Verfilmung von «Deep Cuts», in dem gemäss der Romanvorlage die von A’zion gespielte Figur Zoe Gutierrez als halb mexikanisch, halb jüdisch beschrieben wird. A’zion ist jüdisch, aber zu ihrem Pech keine Latina. Schuldig im Sinne der Anklage. Nach massiver Empörung gab die 25-Jährige ihre Rolle ab, entschuldigte sich auf Instagram für ihre Unwissenheit und stellte sich demonstrativ auf die Seite ihrer Kritiker. «Danke, dass ihr mich darauf aufmerksam gemacht habt. Ich stimme jedem Einzelnen von euch zu. Deshalb liebe ich euch.» Damit bot sie das virtuelle Äquivalent eines Fussabstreifers an. Es muss wirklich Liebe sein. Später wurde die Rolle neu vergeben an Ariela Barer mit mexikanisch-amerikanischen und jüdischen Wurzeln. Parallel dazu unterzeichneten über hundert Latino-Künstler einen offenen Brief, um authentische Repräsentation in Hollywood einzufordern.

Praktisch täglich geraten irgendwo Online-Krieger in Wallung, die mit Hingabe auf die Cancelung einer Person abzielen. Der Ablauf ist ritualisiert: Empörung, Einknicken, reumütige Entschuldigung, nächste Empörung. Dauerbeleidigte werden nie zufrieden sein, egal, wie weit man ihren Forderungen entgegenkommt, deshalb ist Kapitulation unklug.

 

Schauspielerei bedeutet ja gerade, jemand anders darzustellen. Schauspieler können eine Rolle bis zum Exzess ausleben, gerade weil sie nicht sie selbst sind. A’zion hat niemandem eine Rolle weggenommen. Rollen gehören niemandem im Voraus, sie werden an diejenigen vergeben, die sich im Casting als am geeignetsten erweisen – unabhängig von ihrem Hintergrund. Dieses zwanghafte Bedürfnis, Rollen nach Checklisten der Identitätspolitik zu kontrollieren, offenbart, dass es nicht wirklich um Kunst geht, sondern um die richtige Kombination ethnischer und sozialer Merkmale. Quoten, Vorgaben und Entrüstung sollen Vielfalt erzwingen, aber Kunst lässt sich nicht erzwingen, dafür wird die künstlerische Freiheit ausgehöhlt.

Dauerbeleidigte werden nie zufrieden sein, egal, wie weit man ihren Forderungen entgegenkommt.Und während die eine Seite ihr Repertoire abspult, kontert die andere. Kein Wunder, die progressive Linke hat durch jahrelanges Vorantreiben des Kulturkampfs etwas entfesselt, das jetzt Gegenreaktionen des rechten Lagers hervorruft – auch wenn man dabei das tut, was man bei den anderen anprangert. Als Gerüchte aufkamen, Lupita Nyong’o könnte die Helena von Troja in Christopher Nolans «The Odyssey» spielen, hagelte es ähnlich entrüstete Kritik von den Konservativen. Eine schwarze, kenianische Schauspielerin könne diese Figur nicht verkörpern, das sei «historisch ungenau». Nun, so weit man es überhaupt beurteilen kann, ist Helena von Troja eher ein Mythos als eine belegte historische Person. In Historienfilmen ist eine möglichst korrekte Darstellung wünschenswert, und auch bei der Verfilmung klassischer Märchen oder literarischer Vorlagen schadet es nicht, sich am Original zu orientieren, statt die Figuren aus Diversitätsgründen neu zu erfinden – und damit am Ende alle zu nerven. Die Mythologie allerdings folgt keiner überprüfbaren historischen Vorlage. Beiden Lagern täte etwas Entkrampfung gut.

Dass Kinogänger längst genug haben von Identitätsausschweifungen, zeigt aktuell der Film «The Bride!». Regisseurin Maggie Gyllenhaal, die den Mangel an Chancen für Regisseurinnen in Hollywood beklagt, wollte eine klassische Geschichte aus feministischer Perspektive neu erzählen. Das Ergebnis: ein 90-Millionen-Dollar-Film, der am wichtigen Eröffnungswochenende floppte und laut Berichten sogar Zuschauer vorzeitig aus dem Kinosaal trieb. Das Publikum will gute Geschichten – nicht ideologische Botschaften oder das Abarbeiten von Checklisten.

 

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