Welch ein Luxus, sich über die Sprachwahl eines Sängers derart erregen zu können. Buenos dias, amigos! Wir sind direkt bei Bad Bunny. Der Musiker lieferte während der Halbzeitshow des Superbowls eine energiegeladene Performance, fast ausschliesslich auf Spanisch, mit grossen Hits und hübschen visuellen Effekten. Objektiv war es eine gelungene Show – Millionen Klicks im Internet und massive Aufmerksamkeit sprechen für sich. Trotzdem gerieten Teile des konservativen Lagers komplett aus dem Häuschen: zu politisch! Zu nichtamerikanisch! Respektlos! Bad Bunny wird von vielen nicht (mehr) als Musiker beurteilt, sondern als kultureller Gegner; wegen seiner Kritik an der amerikanischen Immigrationsbehörde ICE, an der Trump-Administration und wegen seiner politischen Haltung insgesamt.
Illustration: Fernando Vicente
Bye-Bye, Ratio: Heute wird oft nicht mehr die Leistung gesehen, sondern die Gruppenzugehörigkeit, nicht mehr das Werk, sondern das Gefühl. Das emotionale Lagerdenken frisst die Rationalität. Alles, was die eigene Gruppe (oder jene, mit der man sympathisiert) tut, wird reflexhaft verteidigt und idealisiert – alle linken US-Politiker entdeckten plötzlich ihre Liebe zu Latin-Rhythmen und wurden zu glühenden Bad-Bunny-Fans –, und alles, was der Gegner macht, automatisch abgewertet. Das Lagerdenken geht sogar so weit, dass selbst gravierende Menschenrechtsverletzungen wie Kinderehen oder weibliche Genitalverstümmelung von den üblichen Aggressiv-Empörten relativiert (oder ignoriert) werden, nur weil sie in einer Kultur stattfinden, der man tolerant gegenüberstehen möchte, mit der man sich verbunden fühlt. Die Ratio stirbt leise, durch die eigene Identität oder auch durch das stolze Vorzeigen der sich selbst zugewiesenen Rolle.
Statt Phrasen zu dreschen, könnten Künstler sich wieder auf ihre Kunst fokussieren.
Es zeigt sich nicht nur in der Politik oder der Popkultur, sondern in allen Bereichen, in denen Menschen sich stark mit Gruppen identifizieren. Der Feminismus, die Bodypositivity oder der Klima-Aktivismus starteten mit sinnvollen Zielen, doch als die Emotionen die rationale Bewertung verdrängten, lief es irgendwann aus dem Ruder. Ähnlich wie bei manchen konservativen Bewegungen wie Maga, die ursprünglich patriotische oder wirtschaftspolitische Anliegen verfolgte, dann aber in eine extreme Lagerbildung abrutschte und teilweise die Intoleranz entwickelte, die sie linken Zeitgenossen sonst vorwarf.
Dabei besteht keine Unvereinbarkeit der beiden – Gefühl und Vernunft können wie gute Nachbarn wunderbar nebeneinander existieren. Vor allem wenn man sich klarmacht, dass ein Gefühl ein Zustand ist und kein Argument. Emotionen sind wertvoll, aber basieren manchmal auf einer falschen Wahrnehmung. Nur weil sich etwas richtig anfühlt, muss es nicht moralisch richtig sein. Rationalität zeigt sich dort, wo wir Emotionen nicht mit Gültigkeit verwechseln, und diese beiden voneinander zu trennen, ist auch nicht so wahnsinnig schwer: Man kann Leonardo DiCaprio für scheinheilig halten, wenn er zwischen zwei Privatjetflügen und Urlaub auf der Luxusyacht etwas von Klimawandel faselt – und sein künstlerisches Schaffen aber trotzdem grossartig finden und ihn als Schauspieler feiern. Ähnlich bei Erika Kirk, der Witwe des ermordeten konservativen Kommentators Charlie Kirk: Man kann ihre politischen Ansichten ablehnen, aber dennoch die versöhnende Botschaft, um die sie sich bei der Trauerfeier ihres Ehemannes bemühte, anerkennen und der Frau dafür Respekt zollen. «Dieser Mann, ich vergebe ihm. Das ist, was Charlie getan hätte. Die Antwort auf Hass ist nicht Hass.»
Natürlich wäre es auch ausserordentlich angenehm, wenn nicht jeder alles, was er tut, als politisches Instrument nutzte und aus jedem Biss ins Gipfeli ein kulturelles Statement machte. Statt Phrasen zu dreschen, könnten Künstler sich wieder auf ihre Kunst fokussieren, Schauspieler auf ihre Filme, Unternehmer auf ihre Produkte und Politiker auf die Lösung von Problemen. Das ist noch immer das, was die allermeisten Leute von ihnen erwarten. Zumindest jene mit ein bisschen Verstand.
Was alle Seiten vereint: Sie beklagen gesellschaftliche Spaltung und unüberwindbare Gräben. Aber Veränderung beginnt vielleicht genau dort, wo man hie und da darauf verzichtet, Vernunft an Gefühle zu ketten, und sich dazu durchringt, auch Andersdenkenden Grösse oder Erfolge zuzugestehen – in Momenten, in denen sie es verdient haben.
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